"Siddhartha" von Lisaboa Houbrechts bei der Ruhrtriennale 2026 in Gladbeck , Bildrechte: Kurt Van der Elst, Ruhrtriennale 2026

11.09.2026 – Lisaboa Houbrecht adaptiert Hermann Hesses „Siddhartha“ bei der Ruhrtriennale

Marschierende Bettelmönche

Hermann Hesse ist etwas aus der Mode gekommen. Seine Romane landen in der Abteilung Jugendliteratur oder gehen im Fahrwasser eines allgemeinen Spiritualitäts- und Multikulti-Zeitgeists unter. Dabei war sein Roman „Siddhartha“ wahrscheinlich die erste literarische Auseinandersetzung mit dem Buddhismus aus europäischer Perspektive – und Hesse war sich dessen durchaus bewusst. In den 60er- und 70er-Jahren wurde „Siddhartha“ zur Bibel der Hippie-Bewegung. Das ist lange vorbei. Heute steht das Buch eher im Regal bildungsbürgerlicher Haushalte, während Ratgebervideos und Podcasts den Bedarf an Orientierung stillen.

Die belgische Theaterkünstlerin Lisaboa Houbrechts hat sich den Roman auf ganz eigene Weise angeeignet. Auf einer Recherchereise nach Indien traf sie die Tänzerin Shantala Shivalingappa. Mit ihr sprach sie „über mein Leben, meine Intersexualität und wie schwierig es war, mich damit abzufinden“. Bei Hesse fand sie anschließend vieles von dem wieder, was sie selbst bewegte. Daraus entstand ihr Theaterstück „Siddhartha“, das bei der Ruhrtriennale in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck uraufgeführt wurde.

Houbrechts deutet die Figuren aus Hesses Roman konsequent weiblich. Siddhartha ist ein Mädchen, dargestellt von der Singer-Songwriterin Meskerem Mees. Die Sopranistin Claron McFadden ist die Mutter, der Vater spielt keine Rolle. Buddha wird von der indischen Sufi-Sängerin Ustadma Zila Khan verkörpert, den Fährmann Vasudeva spielt die Tänzerin Shantala Shivalingappa. Dazu kommen der Sopranist Samuel Mariño und der Popsänger Casper Clausen.

Musikalischer Dreh- und Angelpunkt ist der Lettische Rundfunkchor mit seiner Performance von Caroline Shaws „Partita for 8 Voices“. Das mittlerweile berühmte A-cappella-Stück, komponiert zwischen 2009 und 2012, arbeitet mit kreatürlichen Stimmgeräuschen, Vokalisen, Anleihen an den Kehlgesang und Minimal Music. Hier wird es zum emotionalen Soundscape, zur nonverbalen Interaktion der Brahmanengemeinde in Siddharthas Elternhaus, der Buddha-Jünger und der Bewohner der Stadt. Dort trifft Siddhartha auf die Kurtisane Kamala (Milena Miškeviča). Houbrecht kommt es darauf an, sexuelle Variabilität in einer fast athletischen Art der Hingabe sichtbar werden zu lassen.

Die Schauplätze finden sich auch bei Hesse, doch Houbrechts deutet das Setting um und spinnt es weiter. So mündet die Begegnung Siddharthas mit Kamala in eine Art Alptraum, während die weite Bühne der Maschinenhalle in Stroboskopblitze und maschinenartiges Dröhnen getaucht wird. Zur komponierten Musik kommen jede Menge Soundscapes, die Christian Balvig und Casper Clausen geschickt arrangiert haben.

Links steht eine extrem steile Treppe, die an die Flanke einer Pyramide erinnert, mit verschiedenen Einlässen, rechts ein sanfter Hang. Dazwischen bleibt viel Platz, den Houbrechts, die auch Regie führt, mit choreografischer Genauigkeit bespielt. Nach hinten öffnet sich der Balkon der Maschinenhalle, und das Licht des gerade stattfindenden Gladbecker Sonnenuntergangs wird zum gestalterischen Element. Durch diesen Balkon marschiert in der Begegnung Siddharthas mit den Bettelmönchen der Chor, trampelnd und mit Fackeln bewehrt, herein. Dazu grinst und grunzt die Buddha-Frau.

Zum Schluss bewegen sich Siddhartha und der Fährmann beziehungsweise die Fährfrau auf einer Scheibe durch den Raum, die wie eine Turbinenschaufel aus dem Arsenal der Maschinenhalle aussieht. Der Boden ist jetzt zum Fluss geworden. Hier sind, wie es in den Untertiteln heißt, „alle Ziele erreicht“.

Das Theaterstück von Houbrechts hat seine unbestreitbaren Qualitäten in den Stilmixturen, in der Unmittelbarkeit musikalischer und tänzerischer Ausdrucksformen und nicht zuletzt in der Raumkonzeption. Es gibt aber auch lange Dialogpassagen, in denen erklärt wird, was Siddhartha durch den Kopf geht und was sie als Nächstes unternehmen will. Das wirkt mitunter umständlich und philosophisch etwas unterbelichtet.

Uraufführung: 10.09.2026

Besetzung:
Mit: Meskerem Mees, Shantala Shivalingappa, Claron McFadden, Milēna Miškēviča, Casper Clausen, Samuel Mariño, Ustadma Zila Khan
Lettischer Rundfunkchor (Leitung: Kaspars Putnins)

Musikalische Leitung: Christian Balvig
Inszenierung: Lisaboa Houbrechts ‚
Bühne: Sammy Van den Heuve
Kostüme: Oumar Dicko
Licht: Fabiana Piccioli
Bewegung: Laura Neyskens
Soundscape: Casper Clausen

Ruhrtriennale: Houbrechts/Hesse, „Siddhartha“
zuerst erschienen in: Opernwelt