Francesco Cavalli: La Calisto; Lauranne Oliva, Alex Rosen, Paul-Antoine Bénos-Djian, Anna Bonitatibus, Giuseppa Bridelli, u. a., Ensemble Correspondances, Sébastien Daucé; harmonia mundi (2025)

30 Instrumentalisten statt fünf – wie bei der Uraufführung – spielen bei Sébastian Daucé im Orchester. Vielleicht war das auch nötig, denn es handelt sich um einen Live-Mitschnitt vom Festival in Aix-en-Provence in der Freiluftspielstätte im Hofe des Erzbischöflichen Palastes. Die Orchestergröße ist bei den Opern von Cavalli kein Gesetz, der Dirigent darf, ja muss arrangieren. Das hat auch René Jacobs getan, der 1994 eine maßstabsetzende Aufnahme von „La Calisto“ vorgelegt hat. Auf René Jacobs beruft sich Daucé ausdrücklich, seine Aufführung steht im Geiste der des Altmeisters. Man kann aber auch sagen, dass es seit 30 Jahren keine stilistische Entwicklung gegeben hat. Bei Daucé hört man nichts, was nicht bei Jacobs nicht schon da gewesen wäre: das farbige Continuo, die arrangierten Zwischensinfonien, das ausdruckshafte recitar cantando in dieser Geschichte der von Jupiter durch Täuschung verführten Calisto, die eigentlich eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu Diana führen will. Lauranne Oliva singt die Titelpartie ausdrucksstark und stilsicher wie die anderen neun Solisten auch. Ein bisschen leidet die Aufnahme unter dem Livecharakter. Der Klangqualität ist manchmal etwas indirekt, und es gibt Bühnengeräusche, von denen man die dazugehörige Szene nicht ahnen kann. Positiv ist, dass Daucé mit dieser Festivalproduktion absolut stilsicher in einer gewissen Bescheidenheit den Pionieren der Historischen Aufführungspraxis Reverenz zollt.

Richard Lorber

Musik: *** – ****
Klang: ***