Raehann Bryce Davis als Carmen, Bildrechte OBV_Danny Willems

30.05.2026 –  Bizet, „Carmen“ in Antwerpen

Ist das ein Handlungsballett, ist das eine Tanzfantasie oder doch eine Operninszenierung, was Wim Vandekeybus auf die Bühne in Antwerpen bringt? Es ist Oper, denn die Geschichte von „Carmen“ wird mit Gesang erzählt, nur ganz anders als sonst und ohne jeden Folklorismus. Bei Vandekeybus geht es um Archaik, Mystik und um Animalisches. Trotzdem wird ausgelassen gefeiert und getanzt etwa zu Beginn des 4. Aktes am Stierkampftag. Tänzer in Kutten, die zuvor ihre Gesichter verborgen hielten, fangen auf einmal an athletisch zu springen und ihre Körper hin und her zu werfen. Dazu spielt das Orchester unter der jungen israelischen Dirigentin Keren Kagarlitsky einen federnden, beherzten Entr‘acte, zunächst ohne jedes Auftrumpfen. Das folgt erst am Schluss mit martialischen Sforzato-Akzenten.

Tänzerisch ist die Kompanie weit vom klassischen Ballett entfernt, die aus der Balletttruppe von Opera Ballet Vlaanderen und aus Ultima Vez, Vandekeybus‘ eigenem Ensemble, gebildet wurde. Was sie vor der Stierkampfarena – und nicht nur dort – zeigen ist aber streng choreografiert, die Bewegungen sind Alltagsgesten abgeschaut, da wird ein wildes Gestikulieren rhythmisiert, da klopft man sich auf die Brust, berührt sich mit den Köpfen, kann sich zärtlich, aggressiv oder auch zappelnd komisch bewegen. Wim Vandekeybus ist mit Jan Fabre, Alain Platel und Anne Teresa De Keersmaeker einer der führenden flämischen Choreografen und hat seit seiner ersten Arbeit „What the Body Does Not Remember“ 1987 Tanzgeschichte geschrieben mit seinem physisch extrem anspruchsvollen, instinkthaften und hoch virtuosen Tanzstil. Mit „Carmen“ gab er in Antwerpen sein Debüt als Opernregisseur.

Für ihn ist Carmen weniger ein freches Roma-Mädchen, keine Femme fatale, sondern der Typus eines Menschen, der unbedingten Freiheitswillen verkörpert und deswegen am Ende auch nicht sterben darf. Seine Carmen taumelt, aber erstochen von Don José werden die Tänzer. Dieser Freiheitswillen hat nichts Triumphales oder Kämpferisches, sondern zeigt sich wie in einer animalischen Regung. „Liberté“ sei eine berauschende Sache, singt Raehann Bryce-Davis am Ende des 2. Aktes und zuckt und stöhnt dabei, noch als die Musik längst verklungen ist und der Pausenvorhang fällt. Sie wird begleitet von einem Tanzsolisten aus der Ultima Vez-Truppe, dessen Ausdrucksform Schnaufen und Zucken ist, mit dem er schon vor Beginn der Ouvertüre einen Akzent setzt. Sein wildes Gebaren wiederum wird gemildert durch eine Entourage athletischer junger Tänzer, die ihn wie einen Kokon umgeben. Das Ganze deutet Vandekeybus als kulthaften „mystischen Totem“.

Raehann Bryce-Davis ist eine stattliche Person von großer Bühnenpräsenz, wenn auch keine Tänzerin, dafür mit einem volltönenden, sehr angenehmen Timbre. Wie sie im Piano völlig unangestrengt Carmens Habanera anstimmt oder die Seguidilla im langsamen Tempo mit verhaltener Spannung zelebriert, hat eine Art von zarter musikalische Erotik. Diese Nummern lässt die Dirigentin dazu passend wie eine kammermusikalische Ballettmusik spielen. Sie modernisiert Bizet in Richtung Strawinsky, was durchaus neuartig und nicht ohne Reiz ist. An anderer Stelle darf das Orchester auch romantisieren etwa in Don Josés „La fleur que tu m’avais jetée“. Hier hatte Joel Prieto seinen großen Aufritt, gelang ihm die schöne Gesanglinie und ein wehmütiger Ausdruck. Kommentiert, wenn nicht konterkariert wird diese Szene durch kriechende Tänzer, die sich an die Füße von Carmen heranrobben.

Sakhiwe Mkosana singt den Escamillo mit ansprechender Präsenz. Aber wenn man bei seinem Auftritt nicht virtuose Breakdance-Einlagen sehen würde, hätte man in einer konventionellen „Carmen“-Aufführung mehr „Torero“-Gehabe erwartet. Auch Maeve Höglund als Micaëla überzeugte durch ihren innigen Gesang mehr als durch ihr statuarisches Dastehen auf der Bühne, was man auch als klugen Einfall des Regisseurs deuten kann, indem er ihre Auftritte als Ruhepol inmitten des sonst turbulenten Geschehens inszenierte.

Diese Neuproduktion von „Carmen“ kommt ohne Dekor aus. Sylvie Olivé hat lediglich ein paar Styroporfelsen hingestellt, die meistens sogar von den Tänzern geschoben werden. Die Menschen bilden das eigentliche Bühnenbild vom bezaubernden Weiß der Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik bis hin zu tierhaften Wesen, deren Rollkragenpullover wie schwarzes Zaumzeug die Lippen spreizt. Großer Jubel für eine Produktion, die sich rühmt, über 120 Mitwirkende inklusive tanzende und singende Kinder im wahrsten Sinne des Wortes zu choreografieren.

Premiere: 29.05.2026, noch bis zum 28.06.2026 (ab 20.06.2026 im Concertgebouw Brügge)

Besetzung:
Carmen: Raehann Bryce-Davis
Don José: Joel Prieto
Escamillo: Sakhiwe Mkosana
Micaëla: Maeve Höglund
Zuniga: Samson Setu
Moralès: Leander Carlier
Fransquita: Sawako Kayaki
Mercédès: Jessica Stakenburg
Le Dancaïre: Maxime Melnik
Le Remendado: Emanuel Tomljenović

Chor und Kinderchor von Opera Ballet Vlaanderen
Tänzer von Opera Ballet Vlaanderen und Ultima Vez
Symphonieorchester von Opera Ballet Vlaanderen

Musikalische Leitung: Keren Kagarlitsky
Inszenierung und Choreografie:Wim Vandekeybus
Bühne: Sylvie Olivé
Kostüme: Isabelle Lhoas
Licht und Ton: Nicolas Olivier
Choreinstudierung: Jan Schweiger
Dramaturgie: Koen Bollen

 

Opera Ballet Vlaanderen: Bizet, „Carmen“
zuerst erschienen in: Opernwelt