Kai Kluge (Max), Tobias Schabel (Kaspar), Birte Schrein (Samiel), Bildrechte: Bettina Stöß

04.05.2026 –  Weber, „Der Freischütz“ in Bonn

Ein deutscher Mann schießt gut

Die Spezialdisziplin des Regisseurs Volker Lösch besteht darin, Opernstoffe für politische Aussagen umzufunktionieren. Das erinnert immer ein wenig an das Agitprop-Theater der 70er-Jahre. Nach „Fidelio“ und der Kurdenproblematik sowie „Mahagonny“ mit der Flutkatastrophe im Ahrtal ging es beim „Freischütz“, seiner dritten Bonner Operninszenierung, um den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg einer rechtsextremen Partei. Das Schlussbild zeigt einen riesigen weißen Schriftzug auf schwarzem Grund: „2029 AfD verhindern“.

In ihrer brachialen Einfachheit wirken Löschs Inszenierungen oft wie aus der Zeit gefallen, aber in ihrer Ehrlichkeit dann doch relevant. Und zwar nicht nur in den politischen Aussagen (welchem vernünftigen Menschen wäre nicht bang vor rechtsradikalen Umtrieben), sondern relevant auch in der theaterästhetischen Grundüberlegung. Dazu bemühte der Dramaturg Stefan Schnabel keinen Geringeren als Karl Marx: Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen bringen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt.“ Oper als „Kraftwerk der Gefühle“ (Alexander Kluge) sei geeignet, den dumpfen, affektiven Ressentiments, die das rechtextreme Milieu kultiviert, auf ebenfalls affektive Weise zu begegnen. Demgemäß lautet der Untertitel der Bonner „Freischütz“-Produktion: „Alptraum für Deutschland“, und das Kalkül bestand wohl darin, das Publikum einen solchen Alptraum erleben zu lassen.

Z. B. indem schon vor der Ouvertüre Birte Schrein als Kanzlerkandidatin („Nennt mich Samiel“) gefühlte lange Minuten im AfD-Jargon Parolen verbreitet und sich dabei, bevor überhaupt ein Ton erklungen ist, schon Unmut im Publikum regt. Wer Unmut äußert, was noch häufig an diesem Abend passieren wird, ist aber nicht in einem Traum, sondern eher in der Distanz des epischen Theaters à la Brecht.

Während der Ouvertüre wird dann eine Batterie an Porträtaufnahmen abgefeuert; im Wechsel werden angeblich deutsche Idealfiguren gezeigt und dagegen Migranten und queere Personen gesetzt mit der Botschaft: wir sind alle Menschen. Schauplatz ist der Bonner Bundestag als Lost Place Die Abgeordnetenbänke sind mit Pflanzen überwuchert, der Bundesadler hängt übergroß als Relikt vergangener Zeiten oder als drohendes Mahnmal im Hintergrund. Es finden dort aber keine Debatten statt, sondern ein Schützenfest, auf dem weitere Parolen verbreitet werden. Späte darf man sich eine Wohnstube vorstellen, in der Agathe und Ännchen sich als Tradwives entpuppen. Die Wolfsschlucht ist eine städtische No-Go-Area, wo Max und Samiel auf migrantische Ziele schießen, und während das Jagdlagers im dritten Aufzug soll ein Attentat auf einen Bundeskanzler mit Friedrich-Merz-Glatze fingiert werden. Schließlich ruft der Eremit dazu auf, die Brandmauern einzureißen.

In dieser Weise wird die gesamte AfD-Ideologie bebildert, besprochen und besungen, denn es sind in dieser „Freischütz“-Bearbeitung nicht nur die Dialoge neu, sondern auch die Arientexte. Lothar Kittstein hat ganze Arbeit geleistet. Sie reicht von ein „Ein deutscher Mann schießt gut“ anstelle von „Wer Gott vertraut, baut gut! bis zu „Die Wohnung frei von Schmutz“ in der Szene von Agathe und Ännchen, letztere von Nicole Wacker so gar nicht soubrettenhaft, sondern glutvoll emotional gesungen, während Agathe dabei von ihr ein Video für ein Datingportal dreht.

Mit Webers „Freischütz“ hat das alles wenig zu tun, bis auf die Deutung der Figur des Max. Er ist ein traumatisierter Afghanistan-Veteran und kommt in der Gesellschaft nicht mehr zurecht, was ihn die Arme der Rechtsradikalen treibt. „Mich umgarnen finstre Mächte“ ist hier und schon bei Weber sein Leitmotiv, das Kai Kluge auch gesanglich einlöst. Seine Tenorstimme strahlt und hat zugleich Farben, in denen sich Bangen und Angst ausdrückt. Hier passen die Deutung des Regisseurs und die Musik zusammen.

Alyona Rostovskaya als Agathe wirkt an diesem Abend sehr mädchenhaft und Tobias Schnabel als Kaspar schon von Anfang etwas außer Atem und gehetzt, aber Lothar Koenigs lässt eine „Freischütz“-Musik hören, der er alles Grobschlächtige ausgetrieben hat. Von der Ouvertüre, über den „Jungfernkranz“ bis zum Jägerchor durchzieht die Musik ein gespannter Grundton von Unruhe und Vorahnung.

Am Schluss gibt es nur wenige Buhs für das Regieteam, Jubel für Solisten und Dirigent. Einen authentischen „Freischütz“ hatte wohl sowieso niemand erwartet.

Premiere: 03.05.2026, noch bis 04.07.2026
Besetzung:
Max: Kai Kluge
Agathe: Alyona Rostovskaya
Kaspar: Tobias Schabel
Ännchen: Nicole Wacker
Fürst Ottokar: Johannes Mertes
Kuno, Erbförster: Martin Tzonev
Ein Eremit: Christopher Jähnig
Kilian: Ralf Rachbauer
Samiel: Birte Schrein
Brautjungfern: Joëlle Fleury, Ji Young Mennekes, Heejin Rachel Park, Mary Rosada

Chor und Extrachor des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn

Musikalische Leitung: Lothar Koenigs
Regie: Volker Lösch
Bühne: Carola Reuther
Kostüme: Cary Gayler
Video: Robi Voigt
Licht: Max Karbe
Dramaturgie  Polina Sandler, Stefan Schnabel
Chor: André Kellinghaus

Oper Bonn: Weber, „Der Freischütz“
zuerst erschienen in: Opernwelt