Samu Gryllus, „Host_Opera“, Bildrechte: Daniel Domolky

Soundpainting als Mitmachform. 
23. – 26.04.2026 – Orbit. Festival für aktuelles Musiktheater in Köln

Sieben Produktion in vier Tagen, davon fünf Uraufführungen, mit einem Budget von rund 250000 Euro, das ist eine beachtliche Leistung des Teams um die künstlerischen Leiterinnen Christina C. Messner und Sandra Reitmayer des Kölner Festivals Orbit für aktuelles Musiktheater. Gespielt wurde in zwei alten, zu Kulturzentren umgenutzten Feuerwachen, im modernen Studio der Musikfabrik im Mediapark und in der gigantischen, stillgelegten Aurora-Getreidemühle im Deutzer Hafen. Das Orbit Festival fand zum dritten Mal statt, jedesmal ist es eine Hängepartie, ob die Fördergelder tatsächlich bewilligt werden.

Mit Oper hat Orbit wenig zu tun. Es gab Tanz, Performance, Literatur, ein bebildertes Konzert, eine VR-Session, dabei immer auch Musik, und mit Host_Opera dann doch eine richtige kleine Oper.

Denn dort wird gesungen, es spielen Instrumente, und es wird eine Geschichte erzählt, nämlich die Geiselnahme einer Mädchenklasse in Ungarn durch die Söhne eines Parteifunktionärs. Das hat 1973 stattgefunden und wurde lange Zeit verschwiegen. Bei der Produktion des Wiener Kollektivs MuPATh schlüpfen zwei Frauen und zwei Männer in immer wieder andere Rollen, mal sind sie die Entführer, mal die Mädchen, die auf die Toilette müssen, die Angst haben oder einfach nur Hunger, mal der Psychologe, der die Jungen zum Aufgeben überzeugen will oder der drohende Polizist. Die Bühne ist fast leer, wird an den Rändern von fünf Instrumentalisten bevölkert. Die Darsteller bleiben an ihren Pulten, Webcams bringen ihre Mimik übergroß auf eine Leinwand. Nähe zum Geschehen wird auch dadurch herstellt, dass das Publikum mitwirkt, und zwar in Form des sogenannten Soundpaintings. Der ungarische Komponist Samu Gryllus dirigiert nicht mit Taktschlagen, sondern mit einem Code an Gesten, die er vorher dem Publikum erklärt, das während der Aufführung immer wieder eine Art Klangbett durch Summen, Sprechen und Singen erzeugt. Auch die Instrumentalisten folgen seinen Gesten. Ihre Partien sind detailliert notiert, aber nicht als klassische Partitur. Trotzdem laufen die 90 Minuten, konzentriert, spannungsvoll und klanglich sehr differenziert ab. Am Ende ist einer der Jungen erschossen worden, alle versammeln sich in der Mitte, auch das Publikum, und verlassen nach und nach den Saal ohne Beifall. 

Grundlage für die Host_Opera ist ein dokumentarischer Roman von Csenge Hatala. Auch bei zwei anderen Produktionen versicherte man sich literarischer Quellen, gewissermaßen als Diskurstheater: bei der Uraufführung von „Gefängnis ohne Mauern, Schiff ohne Meer“ etwa Jean Genets „Wunder der Rose“, wo er seinen Gefängnis-Aufenthalt in Strafanstalt Mettray in drastischen Bildern schildert, auch seine sexuellen Fantasien: „Ich wünsche, mich selbst zu verschlingen“.

In die Rolle von Genet schlüpft der Schauspieler Max Kurth, der eine weichliche, nachdenkliche, introvertierte Person verkörpert. Auf der Bühne sieht man einen Milchglaskubus, in dem man schemenhaft seine Verrichtungen in der Zelle wahrnimmt. Die Musik des jungen Komponisten von Philipp C. Mayer, dargeboten vom Ensemble Garage, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Es sind meist nur geräuschartige Illustrationen der Texte, die in zehn sogenannte „Tableaux morts“ gegliedert sind, eine Begriffsschöpfung des Komponisten (als Gegenteil von Tableaux vivants), weil Genet selbst mit Todesphantasien umging und die musikalische Annäherung an Genet, so Mayer, ein stockender Prozess gewesen sei.

Bei der Produktion „Sombre. In the Shadows of our Time“ sind der Maler Paul Gauguin und der Dichter Ezra Pound die Anknüpfungspersonen, und zwar gespiegelt in den Werken der Komponistin Kaija Saariaho, die sich in „NoaNoa“ aus dem Jahr 1992 auf Gauguins Tagebuch bezieht und in Sombres (2012) Auszüge aus Ezra Pounds späten „Cantos“ verwendet. Dazu kamen noch ihre Shakespeare Vertonung „Caliban‘s Dream“ (1993/5) und das Instrumentalstück Ciel étoilé (1999). Herausragend die Flötistin Camilla Hoitenga in „NoaNoa“, die das Werk schon uraufgeführt hat, und auch in Köln virtuos mit den von ihr selbst erzeugten elektronisch verfremdeten Klängen spielt. Gauguins geflüsterte Texte wurden kaum wahrnehmbar zugespielt, während bei „Sombres“ der Bariton Robert Koller Ezra Pound ausdrucksvoll verkörperte. Als Ergänzung gab es noch zwei Uraufführungen von Cécile Marti und von Jean-Baptiste Barrière als bebilderte Hommage an Saariaho aber mit dem Ziel, Gauguin und Pound zu kritisch kontextualisieren, Gauguin wegen seines frauenverachtenden und naiv idealisierenden Verhaltens auf Tahiti (er hatte dort ein 14jährige Frau), Pound wegen seiner faschistischen Bekenntnisse. Dazu werden biographische Fakten eingeblendet, die diese Verstrickungen dokumentieren. Saariaho geht in ihrer Musik tastend und die Bedeutung der Worte vorsichtig klanglich auslotend vor, wozu neben der Flöte auch die sphärischen Klänge der Kantele (Eija Kankaanranta) und der oft als Flageolett-Instrument eingesetzte Kontrabass von Aleksander Gabrys beitrugen. Martis Stück ŌVIRI mit Texten des Regisseurs und Autors Aleksi Barrière imaginieren dagegen die Sprache Gauguins auf direkte Weise, indem der Bariton ihn mit einem Klangholz hantierend vor einer Projektionsfläche mit manchmal fast opernhaftem Gesang darstellt. Und in „Un Tempo di Lampi Senza Tuono“ von Jean-Bapiste Barrière (der ebenfalls mit Saariaho am IRCAM gearbeitet hat) wird Primo Levi mit seinen Erfahrungen im Konzentrationslager ins Spiel gebracht. Auch hier hört man Klänge im IRCAM-Stil, zart, wolkig und sphärisch. Am Ende wird dann noch eine Skulptur von Cécile Marti enthüllt, die auch als Bildhauerin arbeitet, ein Gegenmodell zu Gauguins Skulptur „Oviri“, die über seinem Grab thront. Ein dichtes Konzert, aber musiktheatralisch nur am Rande interessant.

Bei „Mutans in Music: III. Dreamteam“ des Kölner Performance-Ensembles uBu geht es im unterirdischen Studio der Musikfabrik um einen „kollektiven Powernap“. Da gibt es Kissenschlachten, Luftballonkicken, Traumerzählungen und jede Menge Musikschnipsel, die aus einer Playlist stammen, die das Ensemble im Vorfeld aus Zusendungen gesammelt hat, die von ABBA bis Bernd Alois Zimmermann reichen, mit Schuberts Notturno Es-Dur (D 897) im Mittelpunkt. Das Ganze fand als Relaxed Perfomance statt, ohne den Zwang sitzen zu bleiben und mit Gebärdensprache. Hinterher wurde noch ein Auszug aus der „Playlist of Deaf Dreams“ des Tauben Musikers Matthias Ranner eingespielt, bei der man tieffrequente Vibrationen spüren konnte.

Sympathisch war an der dritten Ausgabe des alle zwei Jahre stattfindenden Orbit-Festivals, dass man auch spielerischen Ansätzen Raum gegeben hat, etwa bei „Die Dualen /Grand Jury“ von Rochus Aust, einer Besteigung des Inneren der Aurora-Mühle in Form einer Science-Fiction-Exkursion. Man bekam eine Sichereinheitseinweisung, wurde behelmt und bewestet und begab sich in den „Tempel“ des Planeten ED3E, wo man abstimmen musste, ob die dualen Wesen vernichtet oder diszipliniert werden sollen. Dazu warf man Stimmklötzchen in die schneckenartig gewundenen Rutschen, über die früher die Mehlsäcke 12 Stockwerke nach unten befördert wurden, was natürlich Geräusche (also Musik) machte. Und in „Becoming Resonance“ von Miriam Rieck und Nicolas Berge war man per VR-Brille in einer Comic-Welt und musste Kontakt zu den Wesen dort aufnehmen, indem man mit seiner Stimme ein echte Resonanzen erzeugte. Resonanz sozusagen als eigene Lebensform.