Oben Edith Grossman mit Zachary Wilson, rechts Alexander Wulke, unten Andrew Nolen, Bildrechte; Mathias Jung

19.04.2026 –  Phyllis Tate, The Lodger“ in Wuppertal

Die Wuppertaler Opernintendantin Rebekah Rota will erklärtermaßen ein Drittel ihrer Premieren mit Werken von Komponistinnen bestreiten und habe noch eine lange Liste abzuarbeiten. Sie ist seit der Spielzeit 2023/24 in Amt. Bisher gab es von Ethel Smyth „Der Wald“ und von Du Yun „Angel’s Bone“. Nun kam mit „The Lodger“ die 1960 an der Londoner Royal Academy of Music mit Studierenden uraufgeführte Oper von Phyllis Tate über Jack the Ripper heraus, erstmals in der vollständigen englischen Fassung, nachdem 2018 in Bremerhaven schon eine deutsche Version gespielt wurde. Professionelle Aufführungen in Großbritannien gab es bisher nicht.

Phyllis Tate (1913 – 1987) ist hierzulande mehr oder weniger unbekannt. In ihrer Heimat gilt sie in als wichtigste Komponistin ihrer Zeit, übernahm Funktionen im Musikleben und bekam Aufträge von der BBC. Ihre Musiksprache ist alles andere als avantgardistisch. „Ich würde mich nicht dafür schämen, wenn sich das Publikum an ein paar meiner Melodien erinnert“, sagte sie.

Die gibt es auch in „The Lodger“, eigentlich ein düsteres Stück, das im viktorianischen England der 1880er-Jahre im Haus von Emma und George Bunting spielt, die einen Mann von guten Manieren beherbergen, von dem Emma schon bald ahnt, dass er der gesuchte Frauenmörder Jack the Ripper ist. Daisy, die Tochter des Hauses, und ihr Bräutigam, der Polizist Joe singen z. B. ein beschwingtes walzerartiges Liebesduett, das auch in einem Musical Platz finden könnte. Mit klarer Diktion und sympathischer Unangestrengtheit verkörpern Merlin Wagner und Marianna Ortugno diese Rollen. Volksmusikalisch populär auch der Cockney-Chor mit einem sehr ausgedehnten derben Trinklied.

Die düsteren Momente setzte der Dirigent Yorgos Ziavras genauso in Szene, etwa wenn der Tenor Zachary Wilder als Lodger wahnhaft aus der biblischen Offenbarung skandiert und im Orchester ein Paukensolo heraufzieht und dann ein Klavier hämmert. Die Titelfigur ist aber nicht die Hauptfigur. Eigentliches Thema der Oper ist das Helfersyndrom der Hausherrin Emma, die den Mörder als krank und hilfsbedürftig bezeichnet. In einer Schlüsselszene zeigt sie sich plötzlich zärtlich und mitfühlsam, und aus dem Orchester fließen ruhige wellenartigen Streicherbewegungen. In der Wuppertaler Produktion kam dieser Wandel am Ende der Oper etwas unvermittelt. Edith Grossman verkörperte nämlich vorher eine matronenhafte, zutiefst angstbesetze Person, z. B. als sie ihre Tochter Daisy allein mit dem Mörder im Haus wähnt. Hier klingen Musikfetzen, Ausrufe und Einwürfe auch aus dem Orchester. Von einer entstehenden Empathie mit dem Untermieter ist da nichts zu spüren.

Wie Andrew Nolen den Vater George darstellt, hat man es mit einem nur zu geringen emotionalen Ausschlägen fähigen älteren Herrn zu tun, der nicht einmal besonders bestürzt wirkt, als er das Blut von Jack the Ripper an seinen Händen sieht. Und auch sonst kann der Regisseur Greg Eldridge dem Stück keine wirkliche Spannung oder bedrohliche Gothic-Novel-Stimmungen beibringen.

Vielleicht ist ihm da schon die Partitur im Weg. Phyllis Tate scheibt eine Musik, die an jeder Ecke mit interessanten Einfällen aufwartet, ein prägnantes Motiv – z. B. ein penetrantes Uhrklicken – an das nächste reiht, fast wie aus dem Lehrbuch der Filmmusik. Allerdings ist das zumindest in Wuppertal manchmal zu viel des Guten, besonders in den langen Konversationsstrecken. Da wird auf der Bühne im schnellen Sprechtempo deklamiert und von unten decken die Orchesterkommentare das Meiste zu, so dass man den Kopf zur Übertitelanlage recken muss.

Die Bühnenbildnerin Alyson Cummins hat ein puppenstubenartiges zweistöckiges Gehäuse gebaut und liebevoll und detailreich ausgestattet. Man fühlt sich tatsächlich ins viktorianische London versetzt, auch durch die stilechten Kostüme von Evelien van Camp. Vor diesem Arrangement finden die Straßenszenen statt. Der Chor rückt dem Publikum so dicht auf die Pelle, als wäre man selbst Teil des Geschehens, in das übrigens immer wieder ein Erzähler (Alexander Wulke) hineinschreitet als Alter Ego des Mörders, den es in der Originalpartitur nicht gibt, wohl aber in der BBC-Übertragung aus dem Jahr 1964, von der es eine Aufnahme gibt. Die Wuppertaler Produktion hat nun der WDR mitgeschnitten und cpo wird sie herausbringen.

Premiere: 18.04.2026 noch bis 12.07.2026

Besetzung:
George Bunting: Andrew Nolen
Emma Bunting: Edith Grossman
Daisy: Marianna Ortugno
Der Untermieter: Zachary Wilson
Joe Chandler: Merlin Wagner
Erzähler: Alexander Wulke
u.a.

Opernchor der Wuppertaler Bühnen
Sinfonieorchester Wuppertal

Musikalische Leitung: Yorgos Ziavras
Inszenierung: Greg Eldridge
Bühne: Alyson Cummins
Kostüme: Evelien Van Camp
Videodesign: Ian MacIntosh
Movement Director: Katie Kelly
Chor: Ulrich Zippelius
Dramaturgie: Laura Knoll