Clémence de Granval: Mazeppa; Tassis Christoyannis, Nicole Car, Julien Dran, Ante Jerkunica, Paweł Trojak, Münchner Rundfunkorchester, Chor des Bayerischen Rundfunks; Mihhail Gerts; Palazetto Bru Zane (2025)
Clémence de Granval ist eine der interessantesten französischen Komponistinnen im späten 19. Jahrhundert. Sie war Schülerin von Chopin, schuf Werke in allen Gattungen, auch etliche Opern, und konnte sich im Pariser Musikleben durchaus etablieren. Sie litt aber darunter, dass man sie zeitlebens als adlige Amateurkomponistin betrachtete. Das Palazzetto Bru Zane hat ihre letzte Oper „Mazeppa“ nun zusammen mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Mihhail Gerts herausgebracht. Auch an der Oper Dortmund kam das Werk neulich mit einigem Erfolg heraus. Es geht um den aus Polen verstoßenen Feldherrn, der rasch zu einer führenden Figur in der Ukraine aufsteigt, dann des Verrats bezichtigt wird, und um die scheinbar unverbrüchliche Liebe Matrénas zu ihm, die sich gegen die Avancen ihres Jugendfreundes Iskra erwehren muss. In dem Duett „Tu te trompes“ erklärt sie ihm, dass die frühere Zuneigung keine Liebe gewesen sei. Das ist ein bewegter, hoch emotionaler Gesang, den Nicole Car mit Mitleidstönen und zugleich mit rigorosem Ernst vorträgt. Ihm bricht darüber schier das Herz, und er will sich damit nicht abfinden. In seiner Arie „Il triomphe“ kommt bei Julien Dran zum Schmerzensausdruck eine heldenhafte Emphase. Am Ende stellt sich heraus, dass seine Behauptung, Mazeppa sei zu den Schweden übergelaufen, der Wahrheit entspricht. In der heutigen Ukraine ist Mazeppa ein Volksheld, der für ihre Unabhängigkeit kämpfte. In der Oper bleibt die Figur des Mazeppa ziemlich blass, selbst in der engagierten Darstellung von Tassis Christoyannis. Seine Liebesträume am Beginn des 3. Aktes („Quelle paisible nuit“) wirken beiläufig und ebenso sein Delirium in der Wüste nach seiner Verbannung. Auch die zahlreichen Massenszenen wirken eher pauschal, in denen das Volk Mazeppa ohne Umschweife zum Anführer erhebt und sich dann genauso schnell wieder abwendet. Eigentlich möchte man der Oper den Titel der Frauenfigur Matréna geben, deren interessant komponierte Wahnsinnsszene am Schluss Nicole Car die Gelegenheit zum lyrisch Entrückten und zugleich zum dramatischen Ausbruch gibt.
Richard Lorber
Musik: ****
Klang: ****