29.03. 2026 – Der Klarinettist Carlos Ferreira und die Prague Philharmonia bei der Sonntagsmatinée in der Philharmonie
Überirdischer Pianoklang
Meisterwerke altern nicht. Meisterlich gespielt, können sie sogar noch einmal aufblühen wie Mozarts Klarinettenkonzert mit dem 32jährigen Carlos Ferreira. Er ist Soloklarinettist des Concertgebouw-Orchesters und Preisträger im ARD-Wettbewerb. Bei solchen Klassikern erwartet man vom Solisten, dass er es irgendwie anders macht, vielleicht ein extremes Tempo wählt oder die Melodien so artikuliert, dass sie neuartig klingen. Nichts davon bei Carlos Ferreira.
Wenn er den langsamen zweiten Satz anstimmt, klingt das einfach nur engelsgleich schön. Es ist ein Pianissimo, das er bei der Wiederkehr der Melodie am Schluss zum dreifachen Piano steigert, so dass man nur noch staunt und sich fragt, wie dieser weiche zarte, runde Klang überhaupt jemals aus einem Holzblasinstrument entströmen kann. Aber Ferreira kann auch Virtuosität. Im Allegro des Schlusssatzes verbindet er tänzerischen Impetus mit dahin rasenden Skalen und Lagensprüngen, als ob hier mehrere Instrumente auf einmal spielten. Und im ersten Satz führte er sein Instrument wie ein Sänger mit Legato-Kantilenen und einem geschmackvollen messa di voce, bei dem er die Töne unmerklich anschwellen ließ. Das Orchester Prague Philharmonia war hier ein verlässlicher Partner und ließ insbesondere mit der exquisiten Bläsersektion schon ahnen, dass mit Beethovens „Eroica“ nach der Pause etwas Besonderes kommen würde. Mit seiner Zugabe, einer vom Fado inspirierten variierten Melodie, entführte Ferreira, nennen wir ihn einfach Carlos, weil er eine so einnehmende Bühnenpräsenz hat, die Zuhörer in sein Heimatland, so dass man am liebsten gleich die Koffer gepackt hätte.
Bei der „Eroica“ kamen dann tatsächlich diese einem Klassiker abgerungenen Novitäten. Das betraf vor allem die Klangexperimente, die der 1987 in Siebenbürgen geborene Dirigent Gabriel Bebeșelea mit den Pragern anstellte. Man wundert sich ja, wieviele Sinfonieorchester es in Prag gibt; je nach Zählweise kommen da neun Ensembles zusammen. Darunter ist die Prague Philharmonia, 1993 von Jiří Bělohlávek gegründet, eines der jüngeren und eine Formation mit der Stammbesetzung eines Mozart –oder Beethovenorchesters, also nicht unbedingt ein Klangkörper für die große Spätromantik. Lassen sie sich dann noch von einem Dirigenten wie Bebeșelea anleiten, der auch ein großes Interesse für Alte Musik mitbringt, ist man bei Beethoven gar nicht mehr weit weg von der Historischen Aufführungspraxis, in dem Bemühen einen durchhörbaren, insbesondere die Blasinstrumente in den Mittelpunkt des Geschehens rückenden Klang zu erzeugen. Dafür bietet Beethovens „Eroica“ ja viele Gelegenheiten. Allein schon, wenn der erste Satz in einem ungewöhnlich raschen Tempo genommen wird und so das Hauptthema wie beiläufig erklingt, die Akkordschläge danach aber eine umso größere Wirkung tun. Oder im Scherzo, das fast ohne fassliche Melodie auskommt und nur minimalistische Figuren durch die Instrumente wirbeln, was, so wie die Prager es spielten, geradezu avantgardistisch klang. Welche ein Gegensatz zum melodiegetränkten Mozart zuvor! Vor lauter Experimentierfreude schlackerte im Finale der „Eroica“ das Lenkrad des Dirigenten ein paar Mal, aber mit vereinten Kräften brachte man Beethovens „Dritte“ mit Bravour ins Ziel. Eröffnet wurde die vollbesetzte Sonntagsmatinée der Kölner Kontrapunkt-Konzerte mit der „Don Giovanni“-Ouvertüre und als Zugabe gab es noch die „Figaro“-Ouvertüre.