
01.03.2026 – Param Vir, „Awakening“ in Bonn
Param Vir, indisch-britischer Komponist, ist schon 1992 bei der seinerzeit von Hans Werner Henze geleiteten Münchner Biennale in Erscheinung getreten mit zwei Operneinaktern, in denen es um buddhistische Fabeln ging. Danach sind im großen Abstand zwei weitere Musiktheaterwerke erschienen und nun in Bonn eine Oper über Siddhartha Gautama und seinen Weg zum Buddha. Das Libretto stammt von dem 89-jährigen irisch-englischen Theaterdichter David Rudkin, der auch schon in München dabei war.
„Awakening“, so der Titel dieses Mammutwerks in englischer Sprache, zeigt über zweieinhalb Stunden Spieldauer in lose miteinander verbundenen Szenen in aller Ausführlichkeit die Stationen des Siddhartha, wie er sich als behüteter Prinz aus dem Palast verabschiedet, bei Priestern und Philosophen keine Antworten auf seine Lebensfragen findet, den Versuchungen des bösen Geistes widersteht und schließlich zum Heilsgelehrten Buddha wird. Im zweiten Teil werden dann eine Reihe seiner Predigten und heilbringenden Begegnungen gezeigt. All das hat David Rudkin aus den im sogenannten Pali-Kanon überlieferten Lehrreden entnommen. Das Ganze wird in eine fiktive Theateraufführung gekleidet, bei der sich eine Gruppe von Schauspielern ihrer Traditionen vergewissert, um der Auslöschung ihrer Kultur durch eine ausländische Besatzung entgegenzuwirken. Am Ende kommt es zu einem vernichten Angriff, bei dem fast alle umkommen, dann aber auferstehen und Buddhas Lehren preisen: „Dieses Leiden hat seinen Ursprung in uns selbst… Es gibt einen Weg, es zu beenden“ usw. Daher der Titel „Awakening“.
Das müsste man als Religionskitsch bezeichnen, wenn nicht Param Virs Musik dagegenstünde. Hymnische Chorklänge, immer leicht dissonant geschärft, hört man hier nur ansatzweise. Vielmehr erklingt in dieser Schlussapotheose eine martialische Marschmusik, grundiert von bedrohlichen, dunklen Paukenklängen.
Param Virs Tonsprache ist in dieser Oper zumindest beim ersten Hören völlig unberührt von indischer oder allgemein fernöstlicher Musik, anders als in vielen anderen auch kammermusikalischen Werken von ihm. Die Protagonisten werden in fast plakativer Weise mit musikalischen Emblemen versehen ähnlich wie in barocker Rhetorik. Die im Deklamationston vorgetragen Sentenzen des Buddha sind durch flächige Klänge grundiert, die seiner Widersacher, die er allesamt bekehrt, durch aufgeregte Staccatopassagen, etwa der Landmann, der Buddha vorhält, nicht alle könnten heilig sein, oder der Bandit, der glaubt, ein leichtes Spiel mit ihm zu haben. Ganz direkt an Barockmusik erinnert das Gamben-Consort auf der Bühne, das szenische Akzente setzt, einmal garniert durch eine Solooboe, als Buddhas Stiefmutter Gautami ihrer Freude Ausdruck verleiht, dass nun auch Frauen in die buddhistische Anhängergemeinschaft aufgenommen werden.
Angesichts der schieren Menge und Länge an buddhistischem Allerlei gehen die nach Art des epischen Theaters im Libretto eingebauten Einschnitte und Reflexionen auf die Gegenwart fast unter. Für Brechungen sorgt aber der Regisseur Vasily Barkhatov, der das Geschehen in einer Art Schleusenbecken ansiedelt und dort ein groteskes Theater aufführt, bei dem sich die Darsteller auf Leitern, Stiegen und in der Mitte der Bühne auf einem Lastkahn bewegen, bis hin zu einem Bombeneinschlag mit Lichtblitz am Schluss, dem auch das Publikum ausgesetzt wird. Die Gestalten erscheinen alle mit entindividualisierenden Strumpfmasken, von denen sie sich nach der Erleuchtung durch den Buddha befreien, und die herumliegenden Gegenstände dienen als aufgegriffene Requisiten etwa die alte Badewanne für das Wassergleichnis oder ein alter Fernseher, in dem Flammen züngeln, als Erinnerung an die Selbstverbrennung eines tibetischen Mönchs.
In der Titelrolle erlebt man den Bariton Cody Quattlebaum als einen unermüdlichen, immer mehr mit seiner Rolle verschmelzenden Darsteller (was übrigens vom Librettisten genauso angelegt ist), dem eine riesige Schar an Solisten, Choristen und Statisten huldigen, die von Daniel Johannes Mayr souverän durch den langen Abend geführt werden.
Uraufführung: 01.03.2026, noch bis zum 02.05.2026
Besetzung:
Director/Amand: Mark Mourouse
Prince Gautam, later The Buddha: Cody Quattlebaum
Kanthak, his horse / The Celestial / An agnostic philosopher: Ralf Rachbauer
Messenger of Age / Mara / A Ploughman / An amoralist philosopher: Martin Tzonev
Messenger of Sickness / A fiery priest: Giorgos Kanaris
Messenger of Death / A Sister: Susanne Blattert
Channa / Angulimala / A Warrior King: Christopher Jähnig
Lady Gautami, Later Sister Gautami: Yannick-Muriel Noah
Princess Yasodhara / Young Mother: Katerina von Bennigsen
A Boy from the Company / Rahul / A new born Child: Noah Werfel
A Young Actor, Later Sunita / A fatalist philosopher: Tae Hwan Yun
u.v.a.
Chor des Theaters Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Musikalische Leitung: Daniel Johannes Mayr
Inszenierung: Vasily Barkhatov
Bühne: Zinovy Margolin
Kostüme: Olga Shaishmelashvili
Licht: Olaf Winter
Video: Ruth Stofer
Chor: André Kellinghaus
Choreografie: Sommer Ulrickson
Theater Bonn: Param Vir, „Awakenig“