26.01.2026 – Agostino Steffani, „Amor vien dal destino“ in Frankfurt
Vor zehn Jahren wurde die Oper „Amor vien dal destino“ zum ersten Mal in unserer Zeit aufgeführt, und zwar an der Berliner Staatsoper mit dem Dirigenten René Jacobs und dem Regisseur Ingo Kerkhof. Die damalige Produktion wurde sehr gelobt, man hatte die Empfindung, ein Meisterwerk wiederentdeckt zu haben. War das womöglich der Grund, dieses Stück nun auch in Frankfurt zu produzieren und nicht eine andere der 14 Opern von Agostino Steffani, der einer der schillerndsten Figuren an der Wende zum 18. Jahrhundert war?
Er war ein Europäer durch und durch, stammte aus Padua, wurde vom bayerischen Kurfürsten nach München geholt, traf Lully in Paris, wirkte als Hofkapellmeister in Hannover, dann in Düsseldorf als Regierungspräsident, war Rektor der Heidelberger Universität, schrieb ein musikphilosophisches Buch, war Priester, sogar Bischof und Top-Diplomat, starb allerdings verarmt in Frankfurt.
Von einer richtigen Steffani-Renaissance in unserer Zeit kann man aber noch nicht sprechen. Zwar gab es schon 1989 zum 300. Geburtstag der Oper in Hannover eine Wiederaufführung von „Enrico Leone“, dem damaligen Inaugurations-Stück, zwar gab es 2025 in Potsdam unter Dorothee Oberlinger sein „Orlando generoso“ zu erleben und bei den Schwetzingen Winterfestspielen fast parallel zur Frankfurter Produktion sein „Der in seiner Freiheit vergnügte Alcibiades“. Aber Steffani ist in unserem Musikleben noch lang kein Händel, und das hat auch Gründe.
So unterhaltsam und vielgestaltig seinerzeit die Berliner Produktion von „Amor vien dal destino war“, so zäh die aktuelle in Frankfurt. Dabei hat der tschechische Alte-Musik-Experte Václav Luks vieles genauso gemacht wie seinerzeit René Jacobs. Es versammelten sich auch in Frankfurt eine ganze Kompanie an Continuo-Instrumenten: Harfe, Lauten, Gitarre, Psalterium, natürlich Cello, Cembalo und Fagott, die je nachdem, wer gerade auf der Bühne singt, eingesetzt werden. Der zarte Harfenklang mit dem Klöppel geschlagenen Psalterium z. B. wenn die empfindsame Lavinia von ihren inneren Qualen singt, das helle mehr metallische Cembalo bei den Auftritten der resoluten komischen Travestierolle der Amme Nicea. Dazu über den ganzen Abend ein unglaublich vielfältiges Percussionsarsenal von Donnerinstrumenten, Klanghölzern, Glöckchen, Trommeln usw., die das Klangspektrum auffächern und interessant machen, denn viele der über 100 Musiknummern sind reine Generalbassarien, wo die Geigen schweigen, oder nur zur Bekräftigung kurz aufspielen. Ein besonderer Clou sind die Chalumeaux. Das sind frühe Klarinetteninstrumente mit einem eigentümlichen Klang, eine echte Rarität, für die man Spezialisten braucht. Sie kommen nur ein paarmal zum Einsatz, z.B. ganz zum Schluss. wenn zum Happyend gesungen wird, dass nie mehr Kriegsposaunen klingen sollen (stattdessen eben die zarten Chalumeaux).
An Václav Luks hat es also nicht gelegen, dass der Abend zu einer langatmigen Angelegenheit wurde. Das lag auch am Sujet. Es geht über die Dauer von mehr als drei Stunden nur darum, ob Lavinia den Troja-Heimkehrer Aeneas – ihre heimliche Liebe – heiraten darf oder doch den Kriegsherrn Turno, der wiederum heimlich von ihrer Schwester Giuturna begehrt wird. Typisch barock, aber anders als in den Händel-Opern wird dieser Plot in immer gleichen Bildern in einer gestelzten Sprache verhandelt, und man quält sich förmlich bis zur Doppelhochzeit.
Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather und die Bühnenbildnern Anna-Sofia Kirsch verzichten auf jegliche Ausstattung. Das Ganze findet auf einer leicht ansteigenden Rasenfläche fast konzertant statt. Den Akzent setzen die Kostüme, die die Personen etwas charakterisieren: Giurturna leicht frivol in gelb und pink, Lavinia im ausladenden dunklen Glockenkleid, Aenea im Schlabberlook und Feldherr Turno in goldbestickter Uniform.
Dem Regisseur gelingt es aber nicht, die Figuren deutlich zu zeichnen, dass daraus spannende Interaktionen und vor allem eine klare dramatische Zuspitzung erlebbar würden. Es ist eine Mischung aus Mikrotheater mit leichten Anklängen an Robert Wilson und einem psychologischen Kammerspiel, das aber nicht richtig zündet.
Gesungen wird in Frankfurt respektabel. Theo Lebow als Nicea mit kräftigem Tenor und humoristischen Untertönen. Michael Porter ebenfalls Tenor als Aeneas mit schlanker Stimme aber etwas unauffälliger. Margherita Maria Sala als Lavinia mit herben Mezzotimbre und bei den wenigen Koloraturen nicht sehr beweglich und Daniela Zib als ihre Schwester Giuturna mit klarem Sopran, deren Leichtlebigkeit man mehr aus ihrem mitunter gewollt zappeligen Agieren auf der Bühne ablas als aus der Stimme. Dazu der Vater Latino als soignierter Bass, der seinen eindringlichsten Auftritt zu Beginn des 3. Aktes hatte, wo er darüber nachsinnt, ob er seine Tochter zur Hochzeit mit dem Feldherrn Turno zwingen soll, dessen rasende Mordlust die Sopranistin Karolina Makula weniger energisch verkörperte als später seine resignative Todesbereitschaft.
Premiere: 25.01.2026, noch bis zum 28.02.2026
Besetzung:
Lavinia: Margherita Maria Sala
Enea: Michael Porter
Turno: Karolina Makuła
Latino: Thomas Faulkner
Giuturna / Venere: Daniela Zib
Nicea: Theo Lebow
Coralto / Giove: Constantin Zimmermann
Corebo / Fauno: Pete Thanapat
szenisches Double Giuturna / Venere: Julia Alsdorf
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Musikalische Leitung: Václav Luks
Inszenierung: R. B. Schlather
Bühnenbild: Anna-Sofia Kirsch
Kostüme: Katrin Lea Tag
Licht: Jan Hartmann
Dramaturgie: Mareike Wink