Zwei Frauen in herzlichem Einvernehmen
Das Silvesterkonzert des Gürzenich-Orchesters in der vollbesetzten Philharmonie
Masabane Cecilia Rangwanasha ist eine beeindruckende Person. Allein der Auftritt der südafrikanischen Sopranistin in ihrem bunten Rock und der hellroten Bluse ist ein theatralisches Ereignis. Dazu passende Musicalhits mit Rhythmus, Drive und Jazzglissandi kamen aber erst nach der Pause. In Samuel Barbers „Knoxville: Summer 1915“ folgte sie erst einmal den Kindheitserinnerungen des amerikanischen Dichter-Journalisten James Agee.
Da hört man, wie ein Kind das abendliche Tun seiner Eltern schildert: „Sie sitzen auf ihren Terrassen, ruhig schaukelnd und ruhig sprechend“, und später: „Eine Straßenbahn erhebt ihr eisernes Gestöhn.“ Zum Schluss münden die Worte des Knaben in eine nachdenkliche philosophische Sentenz: „Sie behandeln mich leise als ein geliebtes Gesicht, aber werden mir niemals sagen, wer ich bin.“ Die Musik von Barber könnte das reine Idyll sein mit dahin fließenden Streicherklängen, gelegentlicher rhythmischer Verkehrslebendigkeit und dann wieder ausschwingenden Bläsermelodien. Barber war ja durchaus ein Komponist fürs Gefühl. Aber Masabane Cecilia Rangwanasha macht mehr daraus, verleiht dem Text Bedeutung. Sie singt, als wäre sie 1915 in Knoxville dabei gewesen, entfaltet ihr schönes Timbre und gibt ein leichtes ausdrucksvolles Vibrato hinzu. Im Leisen wie im Lauten bei „May God bless my people“ hat ihre Stimme eine raumfüllende Präsenz. Da ist nichts von prosaischer Beiläufigkeit.
So wurde in der vollbesetzten Philharmonie das Publikum des traditionellen Silvesterkonzerts des Gürzenich-Orchesters in die Pause entlassen in der Stimmung, einer zugleich persönlichen wie universellen Vergegenwärtigung des alten Small-Town-America beigewohnt und dabei eine Sängerin erlebt zu haben, die in vielem an die junge Jessye Norman erinnert.
Das Gürzenich-Orchester wurde von der 25jährigen Dirigentin Juya Shin geleitet. Sie ist kurzfristig für die Chinesin Elim Cham eingesprungen. Juya Shin ist seit dieser Saison Assistenz-Dirigentin beim Gürzenich-Orchester. Sie stammt aus Südkorea und schließt demnächst ihr Studium an der Musikhochschule Mannheim ab. Gegenüber Masabane Cecilia Rangwanasha ist sie geradezu eine zierliche Erscheinung. Die beiden Frauen traten in herzlichem Einvernehmen auf. So breitete das Orchester in Gershwins „Summertime“ einen vibrierenden, fast impressionistisch anmutenden Klangteppich aus, über dem die Sängerin ihre Stimme in ätherische Höhen mit schönem Piano lenkte. Dann gab es noch „Can’t Help Lovin‘ Dat Man“ aus „Show Boat“, wo Masabane Cecilia Rangwanasha diesen Refrainworten einen leichten Sprechtonfall beimischte und so Musical-Flair einfing. Das Orchester spielte hier aber vielleicht etwas zu dick aufgetragen und vorher in Bernsteins „I feel pretty“ sehr opernhaft.
Ihren Glanzmoment als Dirigentin hatte Juya Shin erst ganz zum Schluss mit den Symphonischen Tänzen aus der „West Side Story“. Dieses gut 20-Minuten dauernde Stück gab es als Zugabe kurz vor 20 Uhr, als schon der eine oder andere aus dem Saal zur eigenen Silvesterparty aufgebrochen war. Beeindruckend, wie sie mit ihrer ausgefeilten Schlagtechnik den riesigen Klangkörper erst durch die grellen Bläserattacken steuerte, um dann unversehens die schönsten Streicherklänge garniert mit sehnsuchtsvollen Oboen- und Horntönen in den Raum zu setzen.
Das Silvesterprogramm des Gürzenich-Orchesters lautete „Von London nach New York“. Die Britten waren durch Thomas Adès und William Walton vertreten. Der hatte 1923 zusammen mit der Lyrikerin Edith Sitwell ein grotesk-dadaistisches Stück mit dem Titel „Façade“ uraufgeführt. Die absurden Verse wurden von der Dichterin hinter einem Vorhang per Megafon vorgetragen und auch die Musiker waren unsichtbar. Später koppelte Walton etliche Nummern aus und stellte sie zu Façade-Suiten zusammen, und der Arrangeur Christopher Palmer steuerte auch noch eine bei. Die Stücke tragen sprechenden Titel wie „Scotch Rhapsody“ „Tango–Pasodoblé“ oder „Swiss Yodeling Song“. Dort hörte man nicht nur Anklänge an Rossinis „Wilhelm-Tell“ Ouvertüre, sondern echten Schweizer Volkston. Juya Shin gelang es, die oft nur wenige Minuten dauernden Miniaturen wie hingeworfene Klangzeichnungen zu skizzieren. Da ging es in dieser interessanten, ein wenig an Strawinsky erinnernden und viel zu selten zu hörenden Musik Zack auf Zack von einem zum anderen mit exakter Linienführung ohne lange Anläufe.
Der Abend begann mit einer anderen musiktheatralischen Kompilation, nämlich der Hotel Suite aus der 1995 uraufgeführten Oper „Powder Her Face“ von Thomas Adès. Darin werden Szenen aus dem Leben der Skandal-Herzogin von Argyll alias Margaret Campell, der „Dirty Duchess“ der englischen Klatschpresse, geschildert. In der Suite gibt es wie bei Walton sprechende Titel wie „Wedding March“, und Thomas Adès steht Walton in punkto Klang-Skurillität in nichts nach, etwa im Hochzeitsmarsch, wo die Tuttischläge mehr an den Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“ erinnern als an Mendelssohns „Sommernachtstraum“. Schade, dass diese musikalische Hotel Suite im Orchester noch etwas unaufgeräumt tönte und viele im Publikum nicht genau wussten, ob die schrägen Töne und isolierten Klanginseln wirklich den Stil des Komponisten repräsentierten.