Chor der Oper Köln, Christopher Lowrey (David), Christopher Purves (Saul), © Sandra Then

11.12.2025 – Georg Friedrich Händel „Saul“ in Köln

Die Geschichte von Saul und David im 1. Buch Samuel wird normalerweise als Beispiel für verfehlte Herrschertugenden gelesen, für Hybris, Stolz und Neid gegenüber der Demut von David. Bei Barrie Koskys Inszenierung von Händels Oratorium in Köln ist Saul eine greifbare Person, ein Psychopath, der für seine Familie in seiner Raserei und Unbeherrschtheit zum Problem wird. Zuerst tritt Christopher Purves noch mit Frauenperücke und Rock auf und hat Spaß am Treiben der barock gekleideten Menschen, die juchzen und tanzen an einer festlich beladenen Tafel mit Blumenbouquets, Tierattrappen, einer Mischung aus Garten und Speisesaal.

Nach und nach aber fließt das Gift der Missgunst durch seine Adern und verdüstert sein Wesen. Das hört man im Gesang in der trotzig angestimmten Schlangenarie („A serpent, in my bosom warmed“), das zeigt sich in seiner grimmigen Mimik, das sieht man in seinen Bewegungen, wenn er sich scheinbar beruhigt und nach dem berühmtem „Oh Lord, whose mercies numberless“ und dem schönen Harfen solo sich an David anschmiegt, nachdem er zuvor noch bebte und am Körper zitterte. In dieser von Christopher Lowrey als David mit schönem Counterklang vorgetragenen Nummer stand der jugendliche kommende König einmal im Mittelpunkt, während Barrie Kosky ihm sonst eine eher passive Rolle zugedacht hat.

Kosky ist ein Meister der Personenregie und Personendeutung und offensichtlich ein sehr guter Dokumentar, denn die vom Glyndebourne Festival übernommene Inszenierung, die in Köln von Donna Stirrup betreut wurde, wirkte so intensiv und detailverliebt, als wäre man direkt von den Endproben in eine Premiere gesprungen.

Das galt auch für das Gürzenich-Orchester: ein so flexibel artikulierendes Ensemble wie in der Chornummer „Envy!“ („Weiche, höllengeborener Neid“) zu Beginn des 2. Aktes, einen so ausbalancierten Klang wie im Trauermarsch, wo sich Posaunen und Flöten in die Streicher einbetten und abwechselten, hätte man nicht besser von einem Alte-Musik-Ensemble gehört. Rubén Dubrovsky wirkte im richtigen Maß antreibend und ausgleichend und konnte sich von einer hervorragenden Continuogruppe aus Musiker der Kölner Alte-Musik-Szene unterstützen lassen.

Bei dem „Neid“-Chor ragte von Saul nur noch der Kopf aus dem Unterboden, der von zahlreichen Händen insektenhaft befingert wurde, und seine Besessenheit bis zum Verrücktwerden verstärkten. Solche körperlichen Bilder funktionierten als Übersetzung des Oratorientextes, der ja über weite Strecken eher einen betrachtenden und reflektierenden Charakter hat. So wurde auch der Chor – wie alle anderen Figuren –  in die anspruchsvollen Choreographien von Otto Pichler eingebettet. Er bildete einen sich locker rhythmisch bewegenden Gegenpol zu einer kleinen Tanzkompagnie, die in den zahlreichen Gott verherrlichenden Chören eine Art akrobatischen Slapstick vollführte. Sie wurden vom Hohenpriester angeführt, der in dieser Produktion als langfingriger, weißgeschminkter Gaukler auftrat, dem Benjamin Hulett, zu gleichen Teilen Schauspieler, Tänzer und Sänger, mit hellem Tenor den Ausdruck von Hinterlist und Eifer verlieh. Zu den Szenenschlüsseln kamen sie bis ganz vor zur Rampe, beleuchtet von unten vom Bühnenrand, ein aus dem Barocktheater übernommener Effekt, der die Gesichter wie von selbst leuchten ließ.

Während in der ersten Hälfte noch Ausgelassenheit, Dekadenz und Opulenz herrschten, wurde es nach Pause dunkel und trostlos. Statt Blumen nun ein Kerzenfeld wie bei einer Gedenkstätte. Saul und Jonathan sind in der Schlacht gefallen, ihre kopflosen Körper liegen im Staub. Die Menschen liegen wie tot dar, bis sie sich zum Klagechor „Oh fatal day!“ langsam aufrichten, dabei das Orchester sanft und doch eindringlich deutlich kommentiert. Die Schlussnummer, in der Davids Regentschaft angekündigt wird, bettete Kosky wieder in die Zappelchoreographie ein, als sollte man der musikalisch verbreiteten Zuversicht nicht trauen.

Auch die anderen Figuren fügten sich in dieses fast shakespearehafte Theater aus menschlichem Abgründen und grotesken Verzerrungen. Jonathan, dessen Gewissensbisse zwischen Vatergehorsam und Freundschaftsliebe Linard Vrielink mit lyrischer Empfindsamkeit vorträgt, bis er in der Begegnung mit David seine homoerotischen Neigungen nicht länger verbirgt. Dann ist da noch Sauls Tochter Merab, die zuvor die befohlene Hochzeit mit David hochmütig ablehnt, ihn später bewundert in einer Arie, die wirkt wie aus einer früheren Händel-Oper entnommen, die Sarah Brady mit schönem Legato- und ausdrucksvollem Vibrato vortrug. Mikal, die andere Tochter, ist zuerst eine reflektierte Person, später als sie David bekommen soll, hüpft sie verzückt wie ein Mädchen über die Bühne. Mirjam Mesak kann beides, singen und spielen.

Händel vertont in „Saul“ ein Libretto, das trotz aller Dramatik in 86 Nummern einen meist hohen reflektierenden Ton anschlägt. Barrie Kosky und seinen Leuten gelang es, den Stoff aufzubrechen und umzuformen und daraus eine Mischung aus Tragödie und Komödie, aus Schauspiel und Oper, aus Ballett und Farce zu machen, ein Stück, von dem sich das Publikum in jeder Aufführung hingerissen zeigt.

Besuchte Vorstellung: 10.12.2025, Premiere: 23.11.2025, noch bis zum 14.12.2025

Besetzung:
Saul/Geist Samuels: Christopher Purves
David: Christopher Lowrey
Merab: Sarah Brady
Michal: Mirjam Mesak
Jonathan: Linard Vrielink
Abner/Hohepriester/Amalekiter/Doeg: Benjamin Hulett
Hexe von Endor: John Heuzenroeder

Chor der Oper Köln
Gürzenich-Orchester Köln

Musikalische Leitung: Rubén Dubrovsky
Inszenierung: Barrie Kosky
Szenische Einstudierung der Übernahme: Donna Stirrup
Bühne & Kostüme: Katrin Lea Tag
Licht: Joachim Klein
Choreografie: Otto Pichler
Chorleitung: Rustam Samedov