Szene aus dem 1. Akt von „Dorian Gray“ von Elżbieta Sikora, rechts unten Michał Partyka als Basil, Bildrechte: Bartek Barczyk, Poznań Opera House

Social Media als Oper

Elżbieta Sikora und David Pountney als Regisseur und Librettist bringen „Dorian Gray“ in Poznań heraus

Es gibt viele Zugänge und Interpretationsmöglichkeiten zu Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“, und die im November in Poznań uraufgeführte Oper der 82jährigen polnischen Komponistin Elżbieta Sikora und des Librettisten und Regisseurs David Pountney ist auch nicht die einzige Dorian-Gray-Oper, ganz zu schweigen von den vielen Balletten, Theaterfassungen, Filmen und Musicals.

David Pountney hat daraus ein Stück in englischer Sprache über den Fluch von Social Media gemacht. Die mephistophelische Person Lord Henry, bei Wilde eine zentrale Figur, die Dorian Gray zu immer weiteren Ausschweifungen treibt, fehlt in der Oper ganz, ebenso die wichtige Anspielung auf den Narziss-Mythos des nicht alternden Dorian Gray

Vielmehr ist Dorian ein Opfer von Basil, der hier nicht Maler sondern Fotograf ist, unerlaubterweise Bilder von Dorian ins Netz stellt und damit einen viralen Hype auslöst, zunächst von ungezügelter Bewunderung („Prince Charming, so cute“), der sich wenig später in einen Shitstorm wandelt. Dorian Gray ist in der Oper anders als bei Oscar Wilde keiner, der von faustischer Hybris ergriffen ist, sondern ein Mensch mit Empathie, den Basils Skrupellosigkeit, als er die Leichen eines Drohnenangriffs in einem zur Sozialstation umgebauten Kino filmt („Beauty is everywhere“), so bestürzt, dass er ihn erschießt. Der Bariton Michał Partyka legt in Basils Rechtfertigungstiraden einen Tonfall von kalter Abgeklärtheit gepaart und zynischer Wichtigtuerei.

Diese Szene, in der sich Dorian Gray durch Sozialarbeit innerlich reinigen will („I must purify myself“), der Mord an Basil, das Etablissement, in dem man sich bei einer Soirée den Reizen des Orientalismus im Fin de Siècle zur Zeit Oscar Wildes hingibt und Dorian Gray den dekadenten Maître de Plaisir gibt, all das findet sich mal mehr, mal weniger auch im Roman. Der Tenor Rafał Żurek singt die schwierige Titelpartie mit starker emotionaler Einfärbung und dramatischem Impetus. Pountney lässt es nicht nehmen, ihm „Dance for me, Salome“ in den Mund zu legen, womit er augenzwinkernd den anderen großen Opernstoff von Wilde aufruft.

Was sich auf den ersten Blick also als freche Ausschlachtung von Wildes Roman ausnimmt mit dem Ziel, ein modernes Social-Media-Drama zu kreieren, mündet am Ende in ein stimmiges Libretto, auch weil Pountney darauf verzichtet, seinen Text bedeutungsschwer zu überhöhen, sondern ihn locker gefügt am Internetjargon ausrichtet.

Elżbieta Sikora schreibt dazu eine umso dichtere, drängende Musik. Sie lässt sich auch nicht zu irgendwelchen, nicht einmal zu „Salome“–Zitaten hinreißen. Nur einmal hört man, wenn Basil, schon von Schüssen getroffen, im Sterben erneut „Beauty is everywhere“ ausruft, ein Dies-irae-Motiv im Orchester.

Sikora, die lange Zeit am Pariser IRCAM-Institut arbeitete und immer noch in Paris lebt, füllt gewissermaßen die Lücke, die Pountney ihr bewusst lässt. Sie zeigt in dieser Oper die ganze Bandbreite ihres kompositorischen Könnens. Der Dirigent Jacek Kaspszyk präsentiert ihre ungemein elaborierte Musik nuancenreich, mit einer untergründig drängenden Anspannung und entfaltet die vielen verblüffenden Klänge, die sie aus einem offenbar unerschöpflichen Reservoire an Ideen schöpft, mit kapellmeisterliche Sorgfalt. Z. B. die mit E-Gitarre kombinierten Melismen von Sibyl, der lästigen Bewunderin von Dorian Gray, die zu ihm in parasozialer Beziehung steht und von Basil tödliche Drogen ausgehändigt bekommt. Joanna Freszel benimmt sich in dieser Rolle nicht impulsiv girliehaft, sondern zeigt den Ausdruck von Schmerz und Unruhe. Sie wird vorher noch von ihrem Bruder James gewarnt. Łukasz Konieczny ist in dieser Rolle später ein Rächer mit leicht prolliger Attitüde und finsterem Bass.

Dann gibt es immer wieder Peitschenklänge der Streicher mit ihren Bögen als Leitmotiv, wenn auf der Bühne das viral gegangene Bildnis von Dorian Gray erscheint. Und noch einen Chor aus dem Off, der mit makelloser Akustik zugespielt wird und die Internetgemeinde repräsentiert. Die Figur La Grise schließlich ist eine Art graue Eminenz, die alles weiß und lenkt, gesungen und teilweise gesprochen von Gosha Kowalinska.

Pountney und seine Ausstatterin Dorota Karolczak setzen das Stück in der von ihm gewohnten üppigen Theatralität in Szene. Zunächst sieht man ein Neonraster vor schwarzem Hintergrund, das Atelier von Basil, während zu Beginn des 2. Aktes ein Schwelgen in ungehemmter Dekadenz von orientalischem Tüll und laszivem Tanz zu beobachten ist, inklusive eines klimpernden Oud-Spielers. Und schließlich noch eine Kriegs- und Krankenhausszene mit dystopischen Bildern und Klängen, denn ganz zum Schluss packt Elżbieta Sikora ihr Arsenal an Elektronischer Musik aus mit bedrohlichem Surround-Sound. An dieser Stelle löscht Dorian Gray sein Bild aus und verwandelt sich kollabierend zum ekelhaften Greis, nun wieder ganz nah an der Romanvorlage.

Man erlebte in Poznań 100 Minuten packendes Musiktheater mit dem virtuosen Theaterroutinier Pountney und der Grande Dame der polnischen Musik, die nach der Vorstellung auf offener Bühne mit dem höchsten polnischen Kulturorden geehrt wurde.

Uraufführung: 23.11.20225

Besetzung:
Dorian Gray: Rafał Żurek
Basil: Michał Partyka
Sibyl: Joanna Freszel
James: Łukasz Konieczny
La Grise: Gosha Kowalinska
u. a.

Chor und Orchester des Opernhauses Poznań

Musikalische Leitung: Jacek Kaspszyk
Inszenierung: David Pountney
Bühne und Kostüme: Dorota Karolczak
Licht: Fabrice Kebour
Video: David Haneke
Choreografie: Diana Cristescu
Chor: Mariusz Otto