Torben Jürgens (Curio), Anna Harvey (Cesare), Chor der Deutschen Oper am Rhein, Bildrechte: Jochen Quast

Julius Caesar ist eine Frau

Warum besetzt man die Rolle der Cleopatra in Händels „Giulio Cesare in Egitto“ mit einem männlichen Sänger? Wir sind doch nicht in Rom des 17. Jahrhundert, wo Frauen auf der Bühne verboten waren und ab und zu Kastraten in ihre Rollen schlüpften. Wir leben mehr als 300 Jahre später, und da fügte er sich offenbar, dass mit Dennis Orellana einer der besten Sopranisten unserer Zeit zur Verfügung stand. Er hat bei der Premiere in Duisburg die Rolle auch wirklich wunderbar gesungen, mit glockenreinem Timbre und locker hingeworfenen Koloraturketten etwa in der Arie „Da tempeste il legno infranto“.

Dass man eine Kastratenpartie wie die des Cesare mit einer Mezzosopranistin besetzen konnte, war im Barock üblich und auch heute noch. Anna Harvey hat ein ebenso schönes Tempo wie Orellana nur viel dunkler und wärmer. In ihren Koloraturen verfügte sie aber nicht über die nötige Kraft, um über das Orchester zu kommen, etwa in der Arie „Al lampo dell’armi“.

Das war generell ein Problem der Aufführung. Über weite Strecken des Abends stimmte die Balance zwischen Sängern und Orchester nicht. Da konnte der Alte-Musik-Experte Attilio Cremonesi noch so viel dirigieren und sich der Unterstützung einer hinzugekauften Profigruppe aus Continuospielern versichern. Den Duisburger Philharmonikern blieben die Geheimnisse der flexiblen Artikulation in der Barockmusik verborgen. Da marschierten die Streicher mit behäbigem Auf- und Abstrich durch die Musik und deckten die Sänger zu. Nur bei Cesares „Alma del gran Pompeo“, seiner philosophischen Betrachtung über die Endlichkeit, entfaltete sich Harveys Stimme im Raum, weil hier die Begleitung als Recitativo accompagnato nur wenige Noten hat.

Mit Tobias Hechler als Tolomeo und Maximiliano Danta als Sesto waren weitere Countertenöre engagiert. Beider Stimmen klangen eng, manchmal fast wie ein erregtes Krähen, was übrigens gar nicht einmal schlecht zum jeweiligen Rollenprofil passte. Tolomeo ist in der Regie von Michaela Dicu ein exaltierter Wüstling, der seine Finger immer in der Hose hatte, der eigenen und der von anderen. Und Sesto erlebte man als Möchtegerne-Rächer im Westentaschenformat, dessen Empörung immer ein wenig wie im Kasperltheater wirkte. Von beiden erwartete man jedenfalls kein Belcanto.

Cornelia ist der Typus der leidenden Frau, was für Katarzyna Kuncio bedeutete, dass sie nahezu regungslos nicht nur die Nachricht von der Ermordung ihres Mannes Pompeo entgegennahm, sondern ebenso die Annäherungsversuche von Tolomeo und Achilla. Und in ihrer berühmten Arie „Priva son ’ogni conforto“ hörte man außer starkem Vibrato wenig von den Empfindungen ihres Schmerzes.

Roman Hoza stattete die Rolle des Achilla mit einem klangvollen, koloratursicheren Bariton aus und verlieh diesem Bösewicht sogar eine gewisse Noblesse. Vor allem aber sah man einen Mann, der so sehr der stoischen Cornelia verfallen war, dass er unterwürfig an ihre Füße kroch, anders als Tolomeo, dessen seine Anzüglichkeiten nur Zeitvertreib waren – wie seinen Übungen in Tennis und Golf.

Ein Mann als Cleopatra und eine Frau als Cesar: Michaela Dicu machte daraus ein Konzept. Da gab es kein Crossdressing, sondern eine Frau als Herrscherin und einen Mann als Verführer. Es ging ihr darum zu zeigen, wie Weiblichkeit in Machtpositionen aussieht und wie Männer leiden dürfen, also das was auch in der Ratgeberliteratur verhandelt wird. Auf dem Theater hätte das spannend werden können, wenn nicht Dennis Orellana und Anna Harvey doch nur in den üblichen Rollenmustern verharrt hätten, er als jugendlicher Verführer, sie als skeptische ältere Dame. Darüber hinaus wurden die Aktionen der auf gut zwei Stunden gekürzten Oper mit allerlei Requisiten angereichert, um den Transfer ins Hier und Heute anzudeuten: Pistolen, Sektflaschen, Whiskygläser, Sportgeräte und Reisegepäck. Die Bühne von Rifail Ajdarpasic besteht aus Tribünen und Stahlgestellen, die aus den Buchstaben des Wortes POWER geformt sind, hin- und hergeschoben, mit floralen Mustern ausgespannt und in verschiedene Lichtstimmungen getaucht wurden. Das alles wirkte ein wenig unaufgeräumt, zumal die Umbauten immer auf offener Bühne stattfanden.  Zu der grundsätzlichen Idee das Stücks, nämlich der Spannung zwischen Politik und Leidenschaft, zwischen öffentlich und privat, hält die Regisseurin am Schluss einen schönen Einfall parat. Cleopatra und Cesare entsteigen der Badewanne und ziehen mit einem Trolley durch den Zuschauerraum von dannen. Die Geschäfte übernimmt Cesares Vertrauter Curio. 

Premiere: 30.11.2025, noch bis zum 18.01.2026

Besetzung:
Cesare: Anna Harvey
Cleopatra: Dennis Orellana
Cornelia: Katarzyna Kuncio
Sesto: Maximiliano Danta
Tolomeo: Robias Hechler
Achilla: Roman Hoza
Curio: Torben Jürgens
Nirena: Annabel Kennedy

Chor der Deutschen Oper am Rhein
Duisburger Philharmoniker

Musikalische Leitung: Attilio Cremonesi
Inszenierung: Michaela Dic
Bühne: Rifail Ajdarpasic
Kostüme: Ariane Isabell Unfried
Licht: Michael Kantrowitsch
Chor: Patrick Francis Chestnut, Albert Horne
Choreographie: Paolo Fossa
Dramaturgie: Juliane Schunke