Agostino Steffani: Orlando generoso; Terry Wey, Hélène Walter, Natalie Kawalek, Shira Patchornik, Morten Grove Frandsen, Sreten Manojlović, Gabriel Díaz, Ensemble 1700, Dorothee Oberlinger; Prospero (2025)

Der Ritter Orlando verzichtet großmütig auf Angelica, weil die Liebe ja so viele Qualen mit sich bringt. Deswegen heißt die Oper „Orlando generoso“. Agostino Steffani brachte das Werk 1691 in Hannover als Opernkapellmeister heraus, im Hauptberuf war er aber als Diplomat in ganz Europa unterwegs. Bevor Orlando Entsagung übt, steigert sich in den Wahnsinn hinein. Die literarische Vorlage, Ariosts Versepos, heißt denn auch „Orlando furioso“. Steffanis Oper markiert zusammen mit Lullys „Roland“ den Anfang einer langen Reihe von Adaptionen dieses Stoffes, die bis zu Joseph Haydns „Orlando paladino“ reicht.

Die Wahnsinnsszene bei Steffani gestaltet der Countertenor Terry Wey mit einer großen Palette an Ausdrucksformen: einem jammervollen Rezitativ, das seine Qualen ausdrückt, protestierendem, dabei hochvirtuosem Schreien beim Anrufen der Eumeniden und schließlich mit einem Parforceritt im Presto, gefolgt von einem Lamento, wo sich Aufbegehren und Resignation abwechseln. Auch die anderen Rollen sind glänzend besetzt, z. B. mit Sreten Manojlović als böser Strippenzieher Atlante und seiner famosen Basskoloraturarie „Mal concertate moli“ oder Hélène Walter und Morten Grove Frandsen in einer hinreißenden zehnminütigen Szene, in der sich Angelica und Ruggiero Trost spenden und einander nahekommen, obwohl sie eigentlich mit anderen Partnern verbunden sind. Steffani zeigt hier seine Raffinesse in der Verwendung der Instrumente: Violine und Fagott für Angelica, Oboe und Cello für Ruggiero.

Dorothee Oberlinger präsentiert mit diesem Livemitschnitt von den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci 2025 eine nicht nur musikgeschichtlich interessante, sondern überaus unterhaltsame und skurrile Oper interpretatorisch auf höchstem Niveau und mit dramatischer Verve.

Musik: *****
Klang: ****