Richard Strauss, „Der Rosenkavalier“ an der Oper Köln; Bildrechte: Matthias Jung

28.09.2026 – Strauss, „ Der Rosenkavalier“ in Köln

„Der Rosenkavalier“ als Filmproduktion? Die Marschallin als Regisseurin und Hauptdarstellerin? Baron Ochs als Produzent? Sophie als Nachwuchsschauspielerin? Und Octavian in der Rolle des Liebhabers? Die Regisseurin Marie-Ève Signeyrole hat bei der Eröffnungspremiere der neuen alten Oper Köln diesen dramaturgischen Grundgedanken dem Stück übergestülpt. Zunächst geht dieses Konzept auch auf. Die Eröffnungsszene, Marschallin und Octavian am Morgen nach einer Liebesnacht, wird live gedreht. Man sieht auf einer großen Projektionsfläche, was die Kamera einfängt. Es sind schöne Bilder, die eine zarte Erotik ausstrahlen, Hände, die sich berühren, vorsichtiges Ablegen der Kleidung, Octavians Gesicht voller schmerzvoller Sehnsucht.

Überhaupt gelingt es der Regisseurin, Octavian stärker als sonst in den Mittelpunkt zu rücken. Sie hat in Bianca Andrew eine glänzende Darstellerin und Sängerin. „Wie du warst, wie du bist“ singt sie mit einer warmen, vollen Mezzostimme, die diese erotische Sehnsucht auch hörbar macht. Ob Octavian eine Frau oder ein junger Mann ist, bleibt bis zum Schluss unklar. Man „liest“ diese Person als Frau. Doch ihre männlichen Anteile werden durch die wechselnden äußeren Erscheinungen – kurze oder lange Haare, Hosen, darunter weiblicher Unterwäsche – nicht verborgen.

Das Setting einer Filmproduktion ließ sich nur schwer durchhalten. Zwar wird der zweite Akt, die Brautwerbung im Palais von Faninal, noch zu einer Filmpreisverleihung umgedeutet, bei der Sophie ausgezeichnet werden soll und Baron Ochs Jurystimmen kaufen will. Aber das passt nun wirklich nicht mehr zum Libretto. Man hat es mit einer ständigen Wort/Bild-Schere zu tun, die auf Dauer ermüdet. Um Ochs als widerwärtigen, gewalttätigen Me-Too-Täter darzustellen, braucht es keine Harvey-Weinstein-Anleihen. Patrick Zielke lässt in seiner Darstellung auch so keinen Zweifel an dem miesen Charakter.

Später im dritten Akt wird er im Video als Vergewaltiger gezeigt (hier verlässt die Regisseurin das Stilmittel der Live-Dreharbeit am Filmset). Dabei hat sein Stimmklang etwas Freundliches, Väterliches, ein Bassbuffo wie aus dem Buche. Aber wenn er sich im dritten Akt beim Souper vollständig entkleidet und das verängstigte „Mariandl“ alias Octavian aggressiv bedrängt, während im Hintergrund Sado-Maso-Praktiken zu sehen sind, wird die Widerwärtigkeit dieser Person vollends klar. Ochs ist in dieser Inszenierung eindimensional gezeichnet. An Zwischentönen und charakterlichen Nuancen war die Regisseurin – anders als bei Octavian – nicht interessiert.

Das Filmsetting hat auch den Auftritt von Sophie verdorben. Giulia Montanari steht am Rednerpult und soll wohl eine Dankesadresse formulieren, nachdem sie von Octavian den Preis (die silberne Rose) überreicht bekommen hat. Doch die erste zarte Begegnung zwischen beiden verpufft. Auch das Orchester unter GMD Andrés Orozco-Estrada trägt wenig zur Atmosphäre bei, schon weil an dieser Stelle – wie auch im ersten Akt – die Balance zwischen Bühne und Graben nicht stimmt. Das Orchester ist viel zu laut, man versteht die Sänger nicht. Erst beim Monolog der Marschallin tut sich plötzlich eine andere Welt auf. Magdalena Hinterdobler legt bei „Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“ eine schöne nachdenkliche Empfindsamkeit und auch Klugheit in ihre Stimme. Die Instrumente nehmen sich zurück und bilden einen feinen changierenden Klangteppich, aus dem immer wieder sanft einzelne Stimmen kommentierend hervortreten. Offensichtlich müssen alle Beteiligten mit den akustischen Gegebenheiten im neuen alten Opernhaus erst noch zurechtkommen.

Eine letzte musikalische Stelle, bei der man sich als Zuhörer fallen lassen konnte, war das Schlussterzett von Marschallin, Octavian und Sophie. Hier konnte Giulia Montanari endlich ihre nuancenreiche Sopranstimme aufblühen lassen. Diese Schlussszene gestaltete Signeyrole bis in die Details als Spiegelbild des Beginns, wieder mit den Livevideos, in denen Bianca Andrew nun als scheinbar männlicher Octavian den gleichen sehnsuchtsvollen Blick auf Sophie richtet wie vorher auf die Marschallin. Die Poetik dieser Szene konterkariert Signeyrole aber dadurch, dass sie Magdalena Hinterdobler mit einem Drehbuch in der Hand an der Seite pantomimische Regisseurinnen-Gesten vollführen lässt. Schade.

Vor der Wiedereinweihung des Kölner Opernhauses gab es große Aufregung wegen der nicht funktionierenden Bühnentechnik. Das hat man dem Bühnenbild von Fabien Teigé nicht angesehen. Er kommt mit wenigen Versatzstücken aus, dem Bett als zentralem Element, hier ein paar Tische, dort eine angedeutete Hausfront und spanische Wände, hinter denen sich entweder das Filmteam verbirgt oder Kleider getauscht oder ganz abgelegt werden.

Premiere: 27.09.2026, noch bis zum 20.12.2026

Besetzung:
Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg: Magdalena Hinterdobler
Der Baron Ochs auf Lerchenau: Patrick Zielke
Octavian: Bianca Andrew
Herr von Faninal: Christian Miedl
Sophie Giulia Montanari
Jungfer Marianne Leitmetzerin: Claudia Rohrbach
Valzacchi: Martin Koch
Annina: Dalia Schaechter
Ein Polizeikommissar / Notar Lucas Singer
Ein Sänger: Young Woo Kim
u.a.

Chor der Oper Köln
Gürzenich-Orchester Köln

Musikalische Leitung: Andrés Orozco-Estrada
Inszenierung & Videokonzept: Marie-Ève Signeyrole
Bühnebild: Fabien Teigné
Kostüme: Yashi
Licht: Sascha Zauner
Chorleitung: Rustam Samedov
Dramaturgie: Sandra Pocceschi