08.09.2026 – Elegante Logenschlitten und pyramidenartige Werkstatttürme
14 Jahre Sanierung der Oper Köln mit interessanten Ersatzorten in der Stadt
Bei der Spielplanpressekonferenz im März 2026 machten sie glückliche Gesichter. „Ist doch schön hier“, schwärmte Kölns Schauspieldirektor Kay Voges, Opernintendant Hein Mulders stimmte ein und GMD Andrés Orozco-Estrada lobte die Akustik des neuen alten Opernhauses. Schön ist in der Tat das Foyer des Gebäudes von Wilhelm Riphahn, das 1957 nach nur knapp zwei Jahren Bauzeit eröffnet wurde. Es strahlt eine weitläufige Leichtigkeit in der originalen Farbgebung aus, nachdem der Raum jahrzehntelang mit der Kinderoper zugestellt war, die nun unter dem Offenbachplatz ein eigenes Domizil hat, einmalig in Deutschland.
Bei aller Schwärmerei war die Sanierung der Kölner Oper und des Schauspielhauses ein Desaster. Sie hat 14 Jahre gedauert und fast 1,4 Milliarden Euro gekostet: 798,6 Millionen Euro reine Baukosten, etwa 141 Millionen für Interimsspielstätten und 446,7 Millionen Finanzierungskosten. Geplant waren drei Jahre und 253 Millionen Euro. Auch in Hamburg bei der Elbphilharmonie lief nicht alles glatt oder bei der Sanierung der Berliner Lindenoper. Aber Hamburg hat ein neues Wahrzeichen bekommen und bei dem Berliner Opernhaus handelt es sich um eine Ikone aus dem Zeitalter Friedrichs des Großen. Richtige Begeisterung konnte das Riphahn-Ensemble nie auslösen. Manche Kölnerinnen und Kölner trauerten dem im Krieg nur leicht beschädigten alten Opernhaus am Rudolfplatz nach. Das Schauspielhaus sollte sogar abgerissen werden, bis 2010 eine Bürgerinitiative die durchaus ambitionierten Pläne für einen Neubau stoppte. Immerhin steht das ganze Ensemble seit 1989 unter Denkmalschutz.

Ein skulpturaler Bau
Der Architekt Remigiusz Otrzonsek vom Büro HPP, das die Sanierung betreute, ist freilich von den Qualitäten des Riphahn-Baus überzeugt. Das Gebäude sei überhaupt nicht typisch für die Architektur der 50er-Jahre. Es sei ein skulpturaler Bau mit Anleihen an die Architektursprache von Friedrich Gilly, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Architektur der französischen Revolution geprägt hat. Bemerkenswert an der Kölner Oper ist die vertikale Ausrichtung mit den pyramidenartig angeordneten Werkstätten, die den Bühnenturm flankieren. Der Riphahn-Bau ist ein massives Gebäude, für das in Köln keine Parallelen gibt. Wilhelm Riphahn wurde seinerzeit gefragt, wie sich dieses Gebäude in die Kölner Altstadt einfüge, und er sagte im WDR damals lapidar, die Altstadt existiere nicht mehr. Es gab für ihn daher keine Veranlassung, darauf irgendwelche Rücksichten zu nehmen.

Im Vergleich zum massiven äußeren Erscheinungsbild präsentiert sich das Innere des Kölner Opernhauses eher licht und sogar beschwingt. Dazu trägt das halbrunde hohe Säulenfoyer genauso bei wie der Zuschauerraum mit seinen schlittenartigen Logen, die den Raum „staccatoartig“ rhythmisch gliedern. Eine ähnliche Raumanordnung gibt es nur noch in der Londoner Royal-Festival Hall und in Ansätzen im Hamburger Opernhaus.
Ohne Unterbühne
Als das Opernhaus erbaut wurde, gab es eine Kostenobergrenze von 15 Millionen Mark. In diesem Budget war kein Geld mehr für eine Unterbühne. Baulich war zwar alles vorgesehen, aber das Geld für einen Antrieb fehlte. Das wurde natürlich bei der Sanierung geändert. Außerdem wurde der Orchestergraben vergrößert und die Akustik optimiert, mit dem Ziel, den Nachhall von 1,4 auf 1,7 Sekunden zu verlängern. Das Problem war, dass sich die Musiker selbst nicht gut gehört haben und tendenziell zu laut spielten. Im Schauspielhaus dagegen wurde das Raumvolumen verringert, um akustisch bessere Bedingungen für das Sprechtheater zu erreichen. Schon 2016 in Betrieb genommen wurde das sogenannte Kleine Haus am Offenbachplatz, dort wo früher die Gastronomie in den Opernterrassen war und nun eine Studiobühne mit 150 Plätzen entstanden ist. Ein Juwel ist die neue Kinderoper unter der Erde, deren Wände golden schimmern, die einen Orchestergraben für 30 Musiker aufweist und 200 Kindern Platz bietet. Es gibt also insgesamt vier Bühnen, davon ca. 1300 Plätze im Opernhaus und 700 im Schauspielhaus.
Am 7. Juni 2012 fand mit den „Meistersingern von Nürnberg“ die letzte Vorstellung im Opernhaus statt, und die Sanierung begann. Schon im Juni 2014 wurde Richtfest gefeiert, und kein Mensch hielt es für möglich, dass die Wiederöffnung nicht wie geplant im November 2015 stattfinden könne, also nach etwas mehr als drei Jahren. Stattdessen wurde am 23.Juli 2015 auf einer im Nachhinein legendären Pressekonferenz bekannt gegeben, dass wegen Problemen bei der Haustechnik und beim Brandschutz die Wiedereröffnung auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss. Sie trage nicht den „Oberverantwortungshut“ sagte Kulturdezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach damals. Verantwortlich gemacht wurde tatsächlich niemand direkt. Aber die komplette Planung der Technik begann von vorne. Erst im Januar 2021 wurden die neuen Pläne fertig, und dann sollte es nochmal mehr als fünf Jahre dauern bis zum geplanten Festakt am 24. September 2026. Probleme bei der Haustechnik und beim Brandschutz, das klingt nach einer Standardbegründung bei vielen Sanierungsvorhaben. Bei der Oper Köln ging es offenbar doch um gravierende Versäumnisse. Eine „Vielzahl an Planungsdefiziten“ stellt ein Gutachten für den Rat der Stadt fest und empfiehlt lapidar: „Erst planen – dann bauen“, was dann bekanntlich auch passierte und zu den unglaublichen 14 Jahren Sanierungszeit führte.

Eine Messehalle als Opernhaus
Als im Juli 2015 die geplatzte Wiederöffnung bekannt wurde, stand die Oper Köln zunächst ohne Spielstätte da, weil der Mietvertrag für den Musical Dome am Hauptbahnhof nicht verlängert worden war. Mit dem Staatenhaus, einem Messegebäude aus den 1920er-Jahren, bezog man dann für die nächsten neun Jahre ein dauerhaftes Interimsquartier mit drei Spielbereichen. Dort fand schon 2011 die szenische Uraufführung der Oper „Sonntag aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen statt. Das Hauptproblem im Staatenhaus war die schlechte Akustik. Es gibt bei keiner der Spielflächen einen Orchestergraben. Entweder ist das Orchester zu laut, wenn die Musiker vor der Bühne sitzen wie bei der aktuellen Neuproduktion von Wagners „Ring des Nibelungen“ oder zu leise, wenn das Orchester seitlich oder gar unter der Bühne platziert wird beim „Fliegenden Holländer“ 2023. Gelungen waren dagegen Produktionen, die mit den Gegebenheiten im Staatenhaus kreativ umgingen wie 2018 die Neuinszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“, die 53 Jahre nach ihrer Kölner Uraufführung zum ersten Mal wieder in dieser Stadt zu sehen war. Die Raumkonzeption stammte von der katalanischen Theatertruppe La Fura dels Baus. Orchester und Publikum, das auf drehbaren Stühlen Platz nahm, wurde von einer 360 Grad-Galerie als Spielfläche umrundet. Ähnlich war es bei Berlioz‘ „Les Troyens“ 2022. Auch hier gab es einen kreisförmigen Steg, auf dem das Bühnengeschehen stattfand und in der Mitte voll sichtbar und akustisch präsent das Orchester.
Oper in Bewegung
Als Uwe Eric Laufenberg im Sommer 2009 als Opernintendant nach Köln kam, hatte er in seinem Vertrag eine Regelung, wonach er schon ab der nächsten Saison einen Spielplan mit Interimsspielstätten zu planen hatte, weil man da noch von einem früheren Sanierungsstart ausging. Er entwickelte das Konzept „Oper in Bewegung“ und erkundete in der Stadtlandschaft zahlreiche interessante Spielstätten, immer abgestimmt auf das jeweilige Stück. Monteverdis „L’ incoronazione di Poppea“ in der Regie von Dietrich Hilsdorf und der musikalischen Leitung von Konrad Junghänel fand im Casino des ehemaligen Gerling-Versicherungskonzerns statt. Mozarts „La clemenza di Tito“ in Laufenbergs eigener Regie im Treppenhaus des Oberlandesgerichts. Das Ensemble spielte auf Treppen und Emporen, mal näher, mal weiter weg vom Publikum, das auf verschiedenen Etagen saß und eine eindrucksvolle sphärische Akustik in dem neobarocken Bau erlebte. In den folgenden Jahren wurde das Palladium, eine zur Event-Location umgenutzte Fabrikhalle aus der Gründerzeit in Köln-Mülheim, häufig als Spielstätte genutzt. Hier ist u. a. die Inszenierung der „Csárdásfürstin“ im Dezember 2010 in Erinnerung geblieben. Regisseur Bernd Mottl hatte eine Art Varietétheater geschaffen, in dem das Publikum Teil des Geschehens wurde , an Tischen saß und etwas trinken konnte. Oder Laufenbergs Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“, ebenfalls 2010, wo der Bassa Selim als Gangster Waffenhandel in einer Fabrikhalle betrieb und konsequent kurdisch sprach 246. Eine interessante Spielstätte war auch die Kölner Trinitatiskirche, in der Brittens „The Turn of the Screw“ (2011) und Wolfgang Rihms „Jakob Lenz (2014) stattfanden. Auch hier gab es das Spiel mit Nähe und Distanz. Das Publikum saß bei Britten auf beiden Seiten eines Stegs, der durch den Kirchenraum führte. Empore und Altarraum wurden ebenfalls bespielt. Zu den weiteren alternativen Spielstätten gehörte die Aula der Universität (wo direkt nach dem Krieg schon Opernaufführungen stattfanden) mit einer „Zauberflöte“ 2010 und das Museum Kolumba mit Janáceks „Tagebuch eines Verschollenen“ und Gustav Holsts „Savitri“ 2015 noch kurz vor der dann gescheiterten Wiedereröffnung.
Der Musical Dome
Ab der Spielzeit 2012/2013 unter Birgit Meyer als Nachfolgerin von Laufenberg wurde der Musical Dome die Hauptspielstätte. Das ist eine zeltartige Konstruktion auf dem Breslauer Platz neben dem Hauptbahnhof, die bereits 1996 als Provisorium für Musical-Aufführungen errichtet wurde. Als Opernhaus taugte das Zelt aber nur bedingt. Zwar gibt es dort Platz für mehr als 1700 Zuschauer, zwar gibt es ein ansprechendes Foyer, aber wie im Staatenhaus war die Akustik das Hauptproblem. Der Orchesterklang breitet sich nicht richtig in den Raum aus. Die Dirigenten hatten immer Schwierigkeiten, eine klangliche Balance zu dem Bühnengeschehen herzustellen.-Da klang „Parsifal“ unter Markus Stenz 2013 wie eine kammermusikalische Partitur.
Richtig glücklich konnte das Opernpublikum mit dem Musical Dome nicht werden. Es fehlte zudem der Reiz der anderen unkonventionellen Spielstätten. Aber nach mehr als einem Jahrzehnt von „Oper in Bewegung“ freut sich Köln auf eine neue Normalität.