29.09. 2026 – Kanze-Noh-Theater in der Kölner Philharmonie
Tanz mit schleifenden Schritten
1963 wurde das Nissay-Theater in Tokyo mit einem Gastspiel der Deutschen Oper Berlin eröffnet und ist seitdem ein Ort für westliche Bühnenkunst. Auch im Neuen Nationaltheater Tokyo gibt es europäische Opern- und Ballettproduktionen zu sehen. In Deutschland dagegen kann man sich ein Haus für traditionelles japanisches Theater nicht vorstellen. Aber die Japaner sind – anders als wir – mit klassischer Musik vertraut und lieben sie.
Dennoch muss man auch hierzulande nicht auf traditionelle japanische Theateraufführungen verzichten. Von Zeit zu Zeit gibt es Tourneen wie gerade jetzt die des renommierten Kanze-Noh-Theaters mit Stationen in Berlin, München, Brüssel und Köln.
Das Nō-Theater hat schon Dramatikergrößen wie Bertolt Brecht und Samuel Beckett interessiert. Mit den Darstellungsformen, wie wir sie aus unserem Theater kennen hat es nichts zu tun. Bühnenrealismus und psychologische Personenausdeutungen kennt man dort nicht. Dabei erinnert das Setting von Ferne durchaus an die Oper: Es gibt ein Orchester, bestehend aus drei Trommeln und einer Flöte, es gibt einen Chor und es gibt Solisten, die in einem streng regulierten Text- und Bewegungsschema agieren, das seit Jahrhunderten besteht und auf Schulen wie die Kanze-Schule zurückgeht.
Diese Schulen folgen dem dynastischen Prinzip, indem der Rang des Großmeisters auf den Sohn weitergegeben wird. Dazu gibt es Lehrbücher wie zum Beispiel das „Fūshikaden“ aus dem 15. Jahrhundert, das für das UNESCO-Welterbe nominiert ist. Dort ist genau festgelegt, was auf der Bühne geschieht und welche Geisteshaltung dem Nō-Theater zugrunde liegt: „Was verborgen wird, ist die Blume“. Es kommt also nicht auf darstellerische Drastik und erwartbare Effekte an.
Für den westlichen Betrachter passiert rein äußerlich wenig auf der einheitlichen Bühne, deren Prospekt immer eine aufgemalte Kiefer als heiligen Baum zeigt. Die Handlung der Nō-Theaterstücke ist denkbar einfach. In „Hagoromo“ geht es um einen Fischer, der ein wunderschönes Federgewand findet, das einem Himmelsmädchen gehört. Sie bittet um Rückgabe, sonst könne sie nicht zurück in den Himmel. Der Fischer zögert einen Moment, überreicht es dennoch, weil das Mädchen nun einen Tanz aufführt.
Im Kostüm und hinter der Maske, die keineswegs starr und leblos wirkt, sondern durch Schatten und Licht einen changierenden Ausdruck gewinnen kann, steckt in der Kölner Aufführung der 26. Großmeister Kiyokazu Kanze. Es ist kein ekstatischer Tanz, der zu den durchdringenden Schlägen und dem schrillen Pfeifen der Instrumente aufgeführt wird. Diese bilden zusammen mit den stilisierten Schreien der Instrumentalisten (Kakegoe), die das musikalische Geschehen koordinieren, einen durchlässigen Klanggrund bilden.
Der Tanz ist ein vorsichtiges Schreiten in schleifenden Schritten und langsamem Ausmessen des Bühnenraums sowie gelegentlichen Armbewegungen mit dem Fächer. Das Ganze bezieht seine Magie aus der Reduktion, auf die man sich einlassen muss. Es geht nicht um Diskurs und nicht um vordergründige Emotion, sondern um eine Zeiterfahrung und um die Wahrnehmung kleinster Nuancen.
Es geht aber auch derber. Nach der Pause sah man beim Kölner Gastspiel eine komische Einlage fast wie in der Barockoper, in der das tragische Hauptwerk früher durch eine Komödie unterbrochen wurde. Dieser Teil nennt sich Kyōgen im Gegensatz zu Nō. In dem Stück „Kaki Yamabushi“ erklettert ein Krieger hungrig und durstig einen Kakibaum (in Köln steigt er auf ein tonnenartiges Holzgestell) und hält sich an den Früchten gütlich. Der Gartenbesitzer kommt vorbei und führt ihn vor: Er sei eine Krähe, ein Affe und ein Falke, der fliegen können müsse. Da fällt er vom Baum und lässt sich, weil er behauptet durch seine Kriegerausbildung über spirituelle Kräfte zu verfügen, vom Gartenbesitzer auf dem Rücken tragen.
Das Ganze findet auch für des Japanischen Unkundige in einer nachvollziehbaren Weise statt, in rhythmischen Gliederungen der Wechselreden und Wiederholungsmustern, wenn nach jeder Szene der Gartenbesitzer ein theatralisch-gesangartiges Lachen anstimmt. Aber auch hier sind es ritualisierte Gesten und – bis auf die prachtvollen Gewänder – ein sehr reduktionistisches Theater, dessen Qualitäten man nur erfährt, wenn man das, was wir vom Theater erwarten, vergisst.
Besuchte Vorstellung: 28.09.2026
Die drei aufgeführten Stücke:
Nō –Hagoromo (Das Federgewand)
Besetzung:
Shite (Himmelsmaid): Kiyokazu Kanze
Waki (Fischer): Tzunezō Hōshō
Kyōgen – Kaki Yamabushi (Der Kakidieb)
Besetzung:
Shite (Bergasket): Taichirō Nomura Kiyokazu
Ado (Besitzer des Obstgartens): Mineki Matsukawa
Nō – Kokaji (Der Schwertschmied)
Besetzung:
Shite (Inari-Gottheit): Saburōta Kanze
Waki (Schwertschmied Munechika): Tzunezō Hōshō
Waki-trure (Kaiserliocher Gesandter): Aoi Watabe
Flöte: Manabu Takeichi
Kleine Handtrommel: Seiichi Iida
Große HandtrommeL: Kazuyuki Haraoka
Stocktrommel: Yūichirō Hayashi
Chor und Bühnenassistenten