Ensemble KIMA bei der IYAP 2026; Bildrechte: AMUZ, Laus Polyphoniae 2026

,22.08.2026 Wo Karrieren beginnen

Neue Ansätze für Alte Musik bei der International Young Artists Presentation in Antwerpen

Die spanische Sopranistin Raquel Andueza sagte einmal, der Gewinn der International Young Artist Presentation (IYAP) im Jahr 2000 sei ein Schub für ihre Karriere gewesen. Dadurch sei es etwa möglich geworden, ihre erste CD aufzunehmen, die wiederum weitere Türen öffnete. Heute ist die IYAP kein Wettbewerb mehr, sondern ein künstlerisches Coaching. Raquel Andueza arbeitete später bei der IYAP selbst häufig als Mentorin mit jungen Ensembles der Alte-Musik-Szene.

Die IYAP findet während des neuntägigen Antwerpener Festivals Laus Polyphoniae Ende August statt. Das Besondere an diesem Festival ist die Konzentration auf Vokalpolyphonie von der Renaissance bis zum Frühbarock in 25 Konzerten und ergänzenden Veranstaltungen. In diesem Jahr lautete das Motto „Europa um 1600“. Das Programm beleuchtete eine Zeit, in der in Europa nicht nur viele Meisterwerke entstanden, sondern auch ein reger Austausch zwischen Ländern und Perspektiven stattfand. Bart Demuyt leitet sowohl das Festival als auch die belgische Forschungseinrichtung Alamire Foundation in Leuven, die sich der Aufarbeitung des musikalischen Erbes der heutigen Benelux-Länder widmet. So entsteht ein ungewöhnlich enger Austausch zwischen Wissenschaft und musikalischer Praxis.

Bühnenpräsenz und Publikumsansprache

Bei der IYAP coachten in diesem Jahr erneut der Blockflötist und Dirigent Peter Van Heyghen und erstmals der Sänger, Lautenist und Harfenist Nicholas Achten. Drei Tage lang arbeiteten sie mit sechs jungen Ensembles der Historischen Aufführungspraxis, die aus 32 Bewerbungen ausgewählt wurden. Nicht instrumentale oder vokale Techniken wie in einer Masterclass standen im Mittelpunkt, sondern Bühnenpräsenz und Publikumsansprache. Am vierten Tag folgte die Präsentation im Antwerpener AMUZ, einer Konzertstätte in der ehemaligen Augustinerkirche. Jedes Ensemble zeigte im vollbesetztem Saal ein halbstündiges Kurzprogramm, dem das Publikum aufmerksam folgte. In den drei Tagen, so Van Heyghen, entstehe ein intensiver Austausch. Oft seien es nur kleine Hinweise als Feedback, die den Auftritt wirkungsvoller machten. Viele Ensembles wollten ihre Präsentation durch spielerische und darstellerische Elemente erweitern und über die reine Konzertdarbietung hinaus eine Geschichte erzählen. Doch so gut sie musikalisch ausgebildet seien, fehle ihnen auf der darstellerischen Seite bisweilen das nötige Know-how.

Ein Faible fürs Theater

Nicht so bei dem Ensemble KIMA, einem 2023 in Basel gegründeten Vokalquartett, dessen Mitglieder alle Absolventen der Schola Cantorum Basiliensis (SCB) sind. Bariton Arthur Baldensperger sagt, er habe sich schon vor der Musik für Schauspiel interessiert. An der SCB gebe es die „Opernfabrik“, in der man auch szenischen Unterricht erhalte. Sein Programm mit mittelalterlicher Musik erarbeitete KIMA zudem mit der Regisseurin Salome Imhof. Was das Ensemble auf der Bühne zeigt und hören lässt, ist eine Art groteskes Theater. In der dreistimmigen Ars-Nova-Motette „Le mesnie fauveline“ singen drei Mitglieder drei verschiedene Texte. Im Zentrum steht das allegorische Wesen Fauvel, ein Hengst, der es zum Herrscher bringt und Fortuna zur Frau begehrt, die ihn jedoch zurückweist. Wie in solchen Motetten üblich, verlaufen die Stimmen weitgehend unabhängig voneinander. KIMA überträgt diese musikalische Situation in eine heutige Büroatmosphäre, in der alle durcheinanderreden. Die Aufführung erinnert zugleich an die mittelalterliche Form der disputatio. An der Bühnenkante erscheint Fauvel: Tenor Léon Roch trägt eine Pferdemaske. Die farbigen Anzüge in Lila, Blau, Orange und Gelb verbinden Situationskomik mit formalisiertem Theater à la Bob Wilson, auf den sich das Ensemble ausdrücklich bezieht. Dabei werden die Stücke streng musiziert und dienen keineswegs nur als Klangmaterial für die Bühnenshow. Der überzeugende, mit viel Beifall bedachte Auftritt ermutigte das Ensemble, diesen Weg mit einem Programm unter dem Titel „Comédie madrigalesque“ weiterzuverfolgen, das frühe Barockmusik mit Formen der Commedia dell’arte verbinden soll.

Ein Arsenal an Mittelalterinstrumenten

Einen anderen Weg ebenfalls mit mittelalterlicher Musik wählte das Ensemble Pampinea. Auch dieses Trio stammt aus dem Umfeld der SCB. Geleitet wird es von der promovierten Musikwissenschaftlerin Fiona Kizzie Lee aus Hongkong. Motetten, Chansons, Balladen und Virelais der Ars Nova von Matteo da Perugia, Guillaume de Machaut, Solage u. a. setzte sie in kurzen Moderationen in literarische und historische Zusammenhänge. Wie bei KIMA stand die Figur der Fortuna auch hier im Mittelpunkt: die Bedeutung der Schicksals- und Glücksgöttin für die Menschen im Mittelalter. Aufgelockert wurde das Konzert durch ein Würfelspiel unter Publikumsbeteiligung, mit dem der Ablauf des Konzerts ausgewürfelt wurde, was den Konzertfluss allerdings etwas hemmte. Höchst abwechslungsreich war dagegen das Instrumentarium von Fiona Kizzie Lee mit Organetto, Tabor, Einhandflöte und doppelrohriger Flöte. Dazu kamen die kristallklare Sopranstimme von Emile Ribokaite und António Godinho, der auf der Blockflöte so ausdrucksvoll wie ein Sänger musizierte.

Neue Werke im alten Stil

Beim Ensemble Il Concerto Intempestivo kam die Anregung zur thematischen Ausgestaltung des Programms von den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci, die 2026 unter dem Motto „Licht“ standen. Dazu hat das Quartett, bestehend aus zwei Violinen, Cello und Cembalo, also einer klassischen Triosonatenbesetzung, nicht nur barocke Stücke mit passenden Assoziationen ausgewählt. Inspiriert von Italo Calvinos Roman „Die unsichtbaren Städte“ entwarf es eine Reise durch imaginäre Städte, deren Erscheinungsformen durch Licht und Lichtverhältnisse beschreiben lassen, wie Sonnenlicht, Schatten, Glühwürmchen oder Licht aus der Vergangenheit. Die Werke von Jean-Féry Rebel, Nicola Matteis, Salomone Rossi und Guillaume Dufay waren allerdings zuerst ausgewählt worden; um sie herum entstand die Dramaturgie. Hinzu kamen Eigenkompositionen von Eliot Xaquin Dios, dem Cembalisten des Ensembles, ein Stück m Stil von Domenico Scarlatti und Antonio Soler sowie eine quasi improvisatorische Fantasie der Geigerin Rahel Boell über Debussys „Clair de Lune“ und eine Air von John Dowland. Programm und dramaturgische Metaebene wirkten etwas verschachtelt, klanglich jedoch entstand ein Musikfluss wie aus einem Guss, in dem Renaissance, Barock und Zeitgenössisches miteinander verschmolzen.

Friedensbotschaften

Das Ensemble Primo Getto – Kateřina Blížkovská (Mezzosopran), Emanuele Petracco (Tenor), Anna Antonuccio Johannsen (Cello) und Marcin Kranz (Theorbe) – präsentierte in Antwerpen sein Debütprogramm „Until peace comes“. Mit zwei Gesangsstimmen und zwei Continuo-Instrumenten widmet sich das Quartett deutscher Vokalmusik des 17. Jahrhunderts mit Fokus auf den Dreißigjährigen Krieg. Obwohl die Mitglieder zunächst zögerten, das Kriegs- bzw. Friedensthema so prominent zu platzieren, entschieden sie sich aus persönlicher Überzeugung dafür. Schließlich war es die gemeinsame Liebe zur Musik von Samuel Scheidt, Johann Hermann Schein, Heinrich Schütz und ihrer Zeitgenossen, die das Ensemble überhaupt erst zusammengeführt hatte. Bemerkenswert ist die idiomatische deutsche Barockaussprache der tschechischen Mezzosopranistin und ihres italienischen Gesangspartners. Blížkovská beeindruckt dabei mit intensiv ausdrucksstarkem Gesang, etwa in Johann Hildebrands „Ach Gott! Wir haben’s nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist“. Einen besonderen instrumentalen Akzent setzte Anna Antonuccio Johannsen auf einer selbstgebauten „bass violin“, einem besonders großen Cello.

Der singende Zink

Das Trio Turbulences tritt in einer ungewöhnlichen Besetzung auf: Zink, Laute und Sopran. Da es dafür keine Originalliteratur gibt, beschreitet die Formation kreative Wege. In Kantaten, Arien und Madrigalen von Sigismondo D’india, Guillaume Tessier und Johann Nauwach improvisierte der Zinkenist Tim Meulenbeld, als spiele er eine zweite vollwertige Gesangsstimme. Diesen besonderen Schmelzklang nutzt auch der belgische Komponist und Organist Bernard Foccroulle in seinem vierminütigen Werk „Io sono amore angelico“ von 2015, indem er den Klang des historischen Instruments und Verse Dantes mit seiner moderne Tonsprache verbindet. Im Zusammenspiel mit dem beweglichen Sopran von Ana Parejo Belando entsteht eine faszinierende Klangwirkung. Für ein stilvolles Präludium zur spanischen Arie „No ay en la tierra“ sorgte Lautenist Eric Meier mit einem eigens komponierten Ricercar. Das Ensemble überzeugt durch ausgezeichnete Bühnenpräsenz und sein Gespür für die Verbindung von Historischem und Zeitgenössischem. Als einzige Formation verzichtete es in Antwerpen bewusst auf eine übergeordnete Dramaturgie und ließ die Musik für sich sprechen.

Fantasien im Salon

Das einzige Ensemble der diesjährigen IYAP, das sich auf Musik des 19. Jahrhunderts konzentrierte, war Ossian’s Dream, eine weitere Basler Formation. Basel ist durch die Schola Cantorum längst ein internationaler Hotspot der Alten Musik. Ossian’s Dream ist eigentlich ein Sextett aus Streichquartett, Klarinette und Klavier, trat in Antwerpen jedoch als Trio auf: Pau Fernández Benlloch am Klavier, Léa Al-Saghir an Violine bzw. Viola und Claudia Reyes Segovia an der Klarinette. Ihr Faible gilt der Salonkultur des 19. Jahrhunderts. Sie wählen nicht nur passende Salonstücke aus, sondern versuchen auch so zu musizieren, wie es damals üblich war, um den Geist des kreativen Miteinanders dieser kulturellen Begegnungsorte einzufangen. Auch bei den Besetzungen erlaubte man sich damals große Flexibilität: In Antwerpen erklangen Brahms’ „Zwei Gesänge“ op. 91 mit Klarinette statt Singstimme. Wichtig ist dem Ensemble außerdem die improvisatorische Praxis, die seine Mitglieder an der SCB intensiv studiert haben. Der Pianist spielte gelegentlich spontan wirkende Überleitungen und berief sich dabei auf die Tradition des freien Fantasierens und Präludierens. Hinzu kamen schauspielerische Elemente, die den Eindruck einer heiteren privaten Zusammenkunft erzeugen sollten. Hier gibt es für das Ensemble noch Steigerungspotenzial. Musikalisch dagegen spielte das Trio auf höchstem Niveau: im Zusammenspiel ebenso wie in der Klanggebung der Klarinette und der unbeschwerten Virtuosität von Violine und Viola. Auf diesem interpretatorischen Niveau erscheinen auch Werke von Komponisten aus der zweiten Reihe, etwa Max Bruchs „Acht Stücke“ op. 83 für Klarinette, Viola und Klavier, nicht länger als bloße Gebrauchsmusik des 19. Jahrhunderts (für die sich Max Bruch übrigens selbst nicht zu schade war) sondern als kammermusikalische Perlen.

Storytelling

Die Ensembles, die das Auswahlkomitee zur IYAP einlädt, spielen durchweg auf sehr hohem technischen und interpretatorischen Niveau. Unterschiede zum Standard von Interpretinnen und Interpreten auf modernen Instrumenten sind kaum noch festzustellen. Auffällig ist vielmehr, wie viel Energie die Ensembles zusätzlich in die Vermittlung investieren. „Storytelling“, sagen sie, sei heute extrem wichtig, um auf dem Alte-Musik-Markt zu bestehen. Darauf verzichten kann offenbar nur, wer wie das Trio Turbulences mit einer ungewöhnlichen Besetzung oder einer anderen Besonderheit aufwartet.