15.05.2026 – Sarah Nemtsov, „WE (WIR)“ in Dortmund
Der Ingenieur D-503 singt ein trauriges Lied und ruft nach seiner Mutter. Zuvor hatte er einen langen Erkenntnis- und Menschwerdungsprozess durchlaufen, der ihn von seinem Nummerndasein im „Vereinigten Staat“ beinahe zu einem fühlenden und freien Menschen gemacht hätte. Aber der „Wohltäter“, das ist der Diktator des Staates, hat beharrlich auf ihn eingeredet, Glückseligkeit sei nur erreichbar, wenn die menschliche Phantasie durch eine Operation beseitigt wird, wozu der Ingenieur sich schließlich bereit erklärt. Dieses Abschiedslied, das auf der Bühne des Dortmunder Opernhaus von der E-Gitarre begleitet wird, ist seine letzte emotionale Reaktion. Seth Carico singt es mit dem Ausdruck von Niedergeschlagenheit und fatalistischer Resignation. David DQ Lee als Diktator lässt dagegen seine helle Counterstimme koloraturenreich klingen und trägt seine Ideologie mit großer Suggestionskraft vor.
Das ist Schluss von „We (Wir)“ von Sarah Nemtsov, ein Auftragswerk der Oper Dortmund nach dem gleichnamigen Roman von Jewgeni Samjatin.
„We (Wir)“ wurde 1920 vollendet und gilt als der erste dystopische Roman: nach einem 200jährigen Krieg leben die Einwohner in einer von einer Mauer geschützten Stadt in gläsernen Wohnungen. Sie erfahren „Fürsorge“ von „Beschützern“, die ihr Leben bis ins Kleinste regeln, auch an welchen Tagen man mit wem Sex haben darf. Die Einwohner tragen keine Namen sondern Nummern. Wer sich dagegen wehrt, wird hingerichtet. D-503 ist der Konstrukteur einer Rakete, mit der die Errungenschaften des „Vereinigten Staates“ in anderen Welten exportiert werden sollen. Es gibt aber auch eine Rebellentruppe um die weibliche Figur I-330, in die sich der Ingenieur verliebt, wodurch er feststellt, dass er eine Seele hat und erfährt, dass hinter der Mauer Menschen in einer wilden Natur leben.
Der Roman war das erste Buch, das in der jungen Sowjetunion verboten wurde und erschien deswegen auf Englisch 1924 in den USA. Es liest sich wie eine Vorausahnung auf den Stalinismus und war die Vorlage für die heute viel bekannteren Dystopien von Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) und für George Orwell, der übrigens in der englischen Tribune eine Rezension von „We (Wir)“ verfasste, kurz bevor er „1984“ schrieb.
Sarah Nemtsov hält sich an den genauen Wortlaut von Samjatin, was ihr leicht gefallen sei, weil der Roman in Tagebuchform geschrieben ist und die Dialoge in direkter Rede wiedergegeben werden. Sie hat allerdings die Folterung von I-330 an den Anfang gestellt, der der seiner Empfindungen beraubte Ingenieur teilnahmslos zuschaut. Dadurch bekommt die Oper einen dynamischen Verlauf, der wesentlich von I-330 angetrieben wird. Gloria Rehm stattet sie gesanglich und darstellerisch mit starker Bühnenpräsenz aus. Wichtig war für Sarah Nemtsov auch das sich daraus ergebende offene Ende. Der Ingenieur hätte sich auch gegen die totale Vereinnahmung entscheiden können so wie die Frau mit der Nummer O-90, gesungen von Sooyeon Lee, die von ihm schwanger ist und der die Flucht hinter die Mauer gelingt.
Die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr und ihr Team haben sich eine komplexe Bühnensituation ausgedacht. Das Publikum sitzt in ansteigenden Reihen auf der Bühne des Dortmunder Opernhauses und erblickt sich in einem riesigen Spiegel, so als sei man selbst Bewohner in diesem Staat, denn auch die Auftritte der Protagonisten erfolgen immer wieder aus den Publikumsrängen. Dann kann man plötzlich ins wirkliche Parkett schauen und sieht wie in einem Setzkasten puppenartige, grau uniformierte und maskierte Wesen zwischen den roten Sesseln der Zuschauerreihen. Noch weiter hinten ist der Chor, während das Orchester verborgen bleibt. Die Folterung findet virtuell an der vorderen Bühnenkante statt, täuschend echt wie eine Phantomerscheinung oder ein Alptraum. Ein virtuelles Element ist auch die überdimensionale Projektionsfläche, auf der Gesichter mit Gefühlsregungen in Close-Ups erscheinen oder ein Eindruck von der grünen Umgebung außerhalb der Mauer aufblitzt. Als tatsächliche Spielfläche gibt es nur einen schmalen Streifen vor der Bühnenkante und ganz wenige Requisiten.
Z. B. ein Flügel in dem Moment, als von einem Musikautomaten die Rede ist, der in Windeseile – wie heute die KI – Sonaten produzieren kann, in den I-330 hineinsteigt und unter der Klappe verschwindet. Vor allem aber wird szenische Prägnanz durch Bewegung und Spiel hergestellt, wie in der Schlüsselszene, als man beim Ingenieur die Krankheit, dass er eine Seele ausbildet, diagnostiziert. Er beginnt epileptisch zu zittern, ohne dass man dafür irgendwelches Krankenhausinterieur herbeischaffen müsste.
Mit diesen verschiedenen Ebenen und Elementen spielt die Regisseurin in dem knapp zwei Stunden dauernden Stück auf virtuose Weise. Diese Mischung aus Kammerspiel, AR-Techniken und Raumerkundungen schmiegt sich eng an die Musik von Sarah Nemtsov an; die Bilder wachsen gewissermaßen direkt aus der Partitur heraus, so als stünden dort genaue Bühnenanweisungen. Nemtsov hat tatsächlich aber nur wenige Angaben dazu gemacht, ihr komme es in Anlehnung an Luigi Nono auf eine „Tragödie des Hörens“ an, auf eine nach innen gerichtete Ausdifferenzierung der Klänge. Ihre Musik ist mehr als eine bloße Illustration der Texte, sondern von hohem Eigenwert: da vernimmt man aus dem Orchestergraben eine Art rhythmisches Keuchen, angerissene scharfe Glissando-Figuren, klangliche Rauchschwaden, die sich im Raum verteilen und viele zahllose immer neu erdachte Klangfiguren, die sich mehr flächig als rhythmisch pointiert ausbreiten. Ihre Musik ist im besten Sinne immer konkret. Deswegen funktionieren auch Szenen, in denen gar nicht gesungen wird, wie die öffentliche Hinrichtungsszene, in der das Orchester wie von Schmerz gepeinigt regelrecht kreischt.
Anders als das Orchester mit seinem klanglichen Eigenleben folgen die Gesangslinien einem textverständlichen Recitar cantando, garniert mit Vokalisen oder im psalmodischen Deklamieren, so dass die singenden Protagonisten echte Personen bleiben und nicht nur als Lauträger agieren. Nemtsov hat bewusst an der narrativen Struktur der Vorlage festgehalten. Ihre Oper gewinnt dadurch einen nachvollziehbaren dramatischen Verlauf.
Zusammengehalten wird das Geschehen von dem Dirigenten Michael Wendeberg, der nicht nur den Überblick behält, sondern mit großem Gespür den Qualitäten von Sarah Nemtsovs Musik Geltung verleiht.
Uraufführung: 14.05.2026, noch bis 07.06.2026
Besetzung:
D-503: Seth Carico
I-330: Gloria Rehm
R-13: Daegyun Jeong
Der Wohltäter: David DQ Lee
0-90: Sooyeon Lee
U-86: Ruth Maria Peeck
Opern- und Sprechchor Theater Dortmund
Dortmunder Philharmoniker
Musikalische Leitung: Michael Wendeberg
Inszenierung: Eva-Maria Höckmayr
Bühne: Fabian Liszt
Kostüme: Julia Rösler
Video: Krzysztof Honowski
Licht: Florian Franzen
Sounddesign: Joerg Grünsfeler
Chor: Fabio Mancini
Dramaturgie: Nikita Dubov, Daniel C. Schindler
Theater Dortmund, Sarah Nemtsov „WE (WIR)“
zuerst erschienen in: Opernwelt