Max Bruch

06.07.2026 Heimatliebe im Großformat

Max Bruchs Oratorium „Odysseus“ mit dem Kölner Männer-Gesang-Verein

Es gab frenetischen Jubel in der Philharmonie, nachdem der Dirigent Bernhard Steiner Max Bruchs Oratorium „Odysseus“ mit den Worten „Nirgends ist’s lieblicher als in der Heimat …Triumph!“ zu Ende gebracht hat. Damit beglückwünschte das Publikum den Kölner Männer-Gesang-Verein und vier weitere Chöre aus Bonn, Stuttgart und Leipzig, der wieder einmal ein Mammutprojekt gestemmt hat wie immer am Anfang eines Jahres beim Divertissementchen.

Dort klingt im Beifall immer schon die Vorfreude auf die nächste Session mit. Das kann man bei Max Bruch wohl kaum behaupten. Dieses Pathos getränkte, heimattümelnde großformatige Chorwerk hat man in der Vergangenheit eigentlich nicht vermisst. Die 250 Sängerinnen und Sänger boten einen spektakulären Rahmen, sie huldigten einem Kölner Komponisten, der nach seinen Lehrjahren mit seiner Geburtsstadt wenig zu tun hatte. Er wirkte in Koblenz, Sondershausen, Berlin, Breslau, Liverpool und wieder in Berlin. Sein Refugium war freilich der Igler Hof in Bergisch-Gladbach, der den Papierfabrikanten Zanders gehörte. Angeblich sagte er 1920 82-jährig auf dem Sterbebett, ob er nicht noch einmal mit dem Zeppelin dorthin fliegen könne.

Sein 1873 in Barmen uraufgeführtes Odysseus-Oratorium war ein großer Erfolg. Es passte in die Zeit, als im Rheinland jährlich große Musikfeste veranstaltet wurden, und man kann die Heimatliebe auch im Zusammenhang mit dem deutschen Patriotismus dieser Zeit sehen. Es gab Aufführungen in 36 Städten, auch in England und den USA. Warum das Werk heute, anders als etwa Brahms‘ Requiem oder Wagners „Ring des Nibelungen“ im Musikleben keine Rolle mehr spielt, abgesehen von gelegentlichen Aktivitäten wie der des Kölner Männer-Gesang-Vereins, liegt wahrscheinlich weniger in seiner Ideologie als in der Anlage des Stücks., Opern wollte Bruch nach dem Fiasko seiner „Hermione“ keine mehr schreiben. Für ein Oratorium ist die Geschichte von der Heimkehr des Odysseus aber denkbar sperrig. So richtig zur Geltung kommen die Chöre nur in einigen großformatigen Szenen wie dem Meerestosen, das Poseidon entfacht. Hier waren die Chormassen in der Philharmonie in ihrem Element und fluteten den Saal mit Klang. In den mehr erzählerischen Partien, wo quasi rezitativisch der Trojanische Krieg rekapituliert wird, fragte man sich, warum hier ein Männerchor die Töne hauchte. Und beim Gastmahl bei den Phäaken klang es bei „Willkommen Fremdling“ für einen Moment nach Festzeltgesang, der sich dann aber sehr schnell zum einem hymnischen Wohlklang steigerte.

Martin Berner als Odysseus-Solist hatte ein großes Gespür für die Tonsprache von Bruch, jenen romantischen Ton, der zwischen Pathos und Einfachheit pendelt. Sein Bariton klang raumfüllend, nachdrücklich und bestens artikulierend, aber einen agilen, alle Fährnisse umschiffenden Abenteurer spürte man da nicht. Monica Mascus als Penelope sang ihre Arie, in der sie von dem Gewand, das sie webt und wieder auflöst, erzählt, mit opernhaftem Ausdruck, aber ihre Partie bietet insgesamt wenig Profilierungsmöglichkeiten.

Damit man, wie es so schön im Programmheft hieß, den Überblick nicht verliert, hat der Schauspieler Stefan Wilkening, oft eingebettet in instrumentale Zwischenspiele, Passagen aus der historischen Odyssee-Übersetzung von Johann Heinrich Voß eingestreut. Eine kluge Entscheidung, denn sonst wäre man in den Chormassen rasch untergegangen.