15.06.2026 – Das Gürzenich-Orchester Köln unter Susanna Mälkki mit „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók
Grässliches Forte einer dysfunktionalen Beziehung
Dass mit der Beziehung zwischen Herzog Blaubart und Judith etwas nicht stimmt, merkte man, ohne ein Wort zu verstehen, allein schon im Orchester bzw. in der Art, wie Susanna Mälkki und das Gürzenich-Orchester die Partitur von Béla Bartóks Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ im Abo-Konzert in der Philharmonie deuteten. Vorher gab es ein Einführungsgespräch mit der Psychologin Lydia Benecke, die die verschiedenen Türen, die Judith öffnet, mit den Erscheinungsformen einer dysfunktionalen Beziehung parallel setze, vom sogenannten Lovebombing, über Gewalthandlungen bis zum Besitzwahn.
Schroffe und grelle Klänge dominierten bei Mälkki das musikalische Geschehen bis zum Schluss, wenn Blaubart singt „Du warst meiner Frauen die allerschönste“ und dazu ein grässliches Forte tönt, andeutend, dass Verehrung und Kontrolle hier eine unheilvolle Verbindung eingegangen sind. Mit der Mezzosopranistin Victoria Karkacheva und dem Bassbariton Ryan McKinny erlebte man zwei Darsteller, die beiden Figuren in durchaus eigenwilliger Weise Profil gaben. Er, dessen strömender Gesang seine ebenso spürbare Sorge übertönte, dass es Judith nicht besser gehen würde als den Frauen zuvor. Sie mit dem Pathos eines unkontrollierten Helfersyndroms, das Karkacheva in erlebbaren Gesangsausdruck fasste, und zwar nicht nur bei ihrem Ausspruch „Deiner Feste kalte Tränen will ich trockenen mit meinem Haar“. Man erlebte eine mustergültige Aufführung mit viel Orchestervirtuosität und starker Bühnenpräsenz ohne jede Szene. Bei allem Drängen und aller klanglichen Mächtigkeit gingen die bekannten musikalischen Erinnerungsstellen dieser Partitur, aber keineswegs unter, etwa das Glitzern und Funkeln der Instrumente im hellen Dur-Klang, wenn von der Schatzkammer die Rede ist, oder der choralartige Hymnus, wenn Blaubart von seinen Ländern schwärmt. Mälkki ließ hier im Philharmonie-Rund ein brutales Orchesterschreien entstehen, das überhaupt nichts Erhabenes hatte. Noch mehr hätte man in diese zwiespältige Welt eintauchen können, wenn man Übertitel vor Augen gehabt hätte, denn einfach war es nicht, den Gesang in Ungarisch der deutschen Übersetzung im Programmheft zuzuordnen.
Vor der Pause gab es das Vorspiel zum dritten Akt einer anderen Blaubart-Oper, nämlich Paul Dukas‘ „Ariane et Barbe-Bleue“, ein Stück, das auf den Bühnen viel zu selten zu erleben ist und im Vergleich zu Bartóks Oper hoffnungsvolle Signale setzt, weil es Ariane gelingt, die anderen Frauen zu befreien. Das spielte aber im Konzert des Gürzenich-Orchesters keine Rolle, weil das Vorspiel aus dem Zusammenhang genommen, nicht mehr ist als eine hochartifizielle klangliche Studie. Dissonante Flächen wechseln mit Perlen der Flöten und Harfen, Tremoli der Bässe lagen unter einem Englischhornsolo, alles wunderbar ausgespielt, wie aus dem Instrumentierungslehrbuch. Von Claude Debussy gab es noch zwei Sätze aus den Nocturnes, die Mälkki quasi attacca auf Dukas folgen ließ und so die Nähe der beiden Komponisten zueinander unterstrich. „Nuages“ gab erneut der Spielerin des Englischhorn Gelegenheit, eine leicht melancholische Stimmung zu verbreiten. Bewundernswert die Zartheit bei gleichzeitiger Klarheit, mit der Mälkki das Orchester spielen ließ, um in „Fêtes“ den subkutanen Militärkapellen-Sound sogar bis zum hypnotischen Forte wie in Ravels Bolero zu steigern.