"La fanciulla del West", Schlussszene, Bildrechte: Alvise Predieri

29.03.2026 –  Puccini, „La fanciulla del West“ in Essen

„Jeder Takt überraschend. Keine Spur von Kitsch“. Das sagte der Avantgardekomponist Anton Webern zu Arnold Schönberg über „La fanciulla del West“. Puccini selbst wollte sich mit dieser Oper tatsächlich neu erfinden. Er war überzeugt, dass es eine zweite „Bohème“, nur „stärker, kühner und umfassender“ werden würde. Die Met brachte das Stück 1910 als erste Uraufführung ihrer Geschichte heraus mit Arturo Toscanini am Pult, Enrico Caruso als Dick Johnson und Emmy Destinn als Minnie. Die Handlung spielt in einem Goldgräbercamp in Kalifornien. Trotzdem ist diese erste Wildwestoper der Musikgeschichte keine US-amerikanische Nationaloper geworden, was sich manche Kritiker damals insgeheim erhofft hatten. Bei der Premiere am Aalto-Theater machte sich der Essener GMD Andrea Sanguineti Anton Webers Spruch zu eigen.

Er begab sich ins Innere der Musik, modellierte die Eigenarten von Puccinis Klangerfindungen heraus. So hört man beim ersten Kuss zwischen Minnie und Johnson eine kreischende, dissonante Musik, keine zarten Klänge, dagegen in Minnies Bibelstunde luftige, duftende Orchesterklänge, und als Johnson blutüberströmt in ihre Hütte zurückkehrt, werden Minnies Ausrufe „Salvati! T‘amo“ von laut seufzenden Orchesterflächen grundiert, die quasi ihr Verzweiflungsstöhnen imitieren, alles von Sanguineti mit Bedacht ausgestaltet. Puccinis Tonsprache besteht fast durchgehend aus einem deklamatorischen Parlando. Aber Sanguineti kostete die wenigen lyrischen Passagen gerne aus, natürlich die einzige Arie der Oper, Johnsons „Ch’ella mi creda“ oder auch die Szenen, in der sich die Goldgräber ihrem melancholischen Heimweh hingeben.

Ilaria Alida als Minnie ließ, wo immer es passte, zarte Töne hören, etwa als sie sich als unbedeutendes Mädchen fühlt, konnte aber genauso mit schneidender Stimme Widerstand ausdrücken, als Sheriff Rance sie fast vergewaltigt. Massimo Cavalletti zeigte diesen Widersacher von Johnson als charakterstarke, zum Teil auch nachdenkliche Person. Er verfügt über eine volltönende Baritonstimme von angenehmem Timbre. Und er ist ein guter Schauspieler. Diesen Eindruck hatte man von Jorge Puerta als Dick Johnson nicht. Es wirkte unfreiwillig komisch, wie er sich auf den Diwan in Minnies Hütte fallen ließ. Erst als gepeinigter und verletzter Gefangener der Goldgräber-Horde, der seiner Hinrichtung entgegensieht, war er mit seinem „Ch’ella mi creda“ eine starke Bühnenfigur. Er steigerte sich hier bis zu dem mit scheinbar letzter Kraft hinaus geschleuderten Ausruf „Della mia vita unico fiore“. Vorher, im zweiten Akt wird schlagartig ein „Lucky Strike“-Banner heruntergelassen. Vorne links steht schon länger ein Zigarettenautomat. Auf der Hauptbühne jedoch entfaltet sich ein visuell sarkastischer Kommentar zum vermeintlichen „Glücksfall“ – genau in dem Moment, als der angeschossene Johnson in Minnies Hütte zurückkehrt.

Regisseur Dirk Schmeding und sein Ausstattungsteam zeigten die Oper als ein Panoptikum von zahllosen genau inszenierten, manchmal komischen, manchmal hintersinnigen, manchmal melancholisch stimmenden Einzelszenen, ohne dass der große Bogen verloren gegangen wäre. Minnie schwebt erst sternenumkranzt als Revuegirl mit Glanz und Glitter herab. Im dritten Akt ist sie dann zu einer Kämpferin in Jeanshosen geworden, die ihre fast politisch wirkende Ansprache, dass jeder Gnade verdiene, auf der Laderampe eines Pickup Trucks hält. Das Heimatschmerzlied von Jack Wallace trägt Jihoon Kim in Charlie-Chaplin-Verkleidung vor, an dessen Stummfilm „The Gold Rush“ durch Schwarzweiß Beleuchtung und Flimmerprojektionen erinnert wird. Und beim Walzer tanzen die Männer unter einem Verschlag miteinander, weil die Frauen fehlen. Man versteht sehr genau die Traurigkeit im Camp.

Allerdings werden die indigenen Figuren am Beginn des zweiten Akts, Minnies Hausangestellte, als zottelige und trottelige Bären gezeigt. Dirk Schmeding bezeichnet das als „eigene theatrale Setzung“. Das bleibt problematisch, denn man muss sich schon sehr weit vom Libretto entfernen, um das nicht misszuverstehen.

Insgesamt passt diese bildliche und szenische Vielfalt gut zu Puccinis filmartiger Operndramaturgie mit einer Musik, die Closeups, Totalen und detailverliebte Bilder als Klang imaginiert und das Ganze in harten Schnitten hintereinander montiert. Das vielleicht im Sinn platziert Schmeding am Ende der Oper Minnie und Johnson in Kinosesseln, wo sie Panoramaaufnahmen von einer amerikanischen Wüste betrachten.

Premiere: 28.03.2026, noch bis zum 18.07.2026

Besetzung:
Minnie: Ilaria Alida Quilico
Jack Rance Massimo Cavalletti
Dick Johnson Jorge Puerta
Nick: Ido Beit Halachmi
Ashby: Almas Svilpa
Sonora: Tobias Greenhalgh
Trin: Rainer Maria Röhr
Sid Sono Yu
Harry: Mykhailo Kushlyk
Joe: Zicong Han
Bello Karel Martin Ludvik
Happy: Baurzhan Anderzhanov
Larkens Andrei Nicoara
Billy Jackrabbit: Hyeong Joon Ha
Wowkle: Jana Marković
Jake Wallace: Jihoon Kim
Josè Castro: Michael Kuntze
Postillon: Albrecht Kludszuweit

Herren des Opernchors des Aalto-Theaters
Essener Philharmoniker

Musikalische Leitung: Andrea Sanguineti
Inszenierung: Dirk Schmeding
Bühne Ralf Käselau
Kostüme: Julia Rösler
Video Johannes Kulz
Chor: Bernhard Schneider
Dramaturgie Savina Kationi