Simone Piazzola (Jago), Susanne Blattert (Emilia), Bildrechte: Bettina Stöß

23.03.2026 – Verdi, „Otello“ in Bonn

Otello ist eine gebrochene Person. Sein Auftrittsruf „Esultate!“, obwohl von George Oniani mit metallischer Härte und Kraft herausgeschleudert, hat nichts Triumphales, allein wegen des szenischen Arrangements in der Bonner Neuproduktion von Leo Muscato: das Volk blickt nach vorn, er kommt von hinten. Bemitleidenswert ist er in der Liebesnacht mit Desdemona. Während die Plejaden und die Venus besungen werden, löst er umständlich seinen Gürtel und sitzt dann, sein Gesicht in den Händen verborgen, wie schluchzend auf der Bettkante, hinter ihm eine ratlose Desdemona.

Wollte der Regisseur hier einen impotenten Feldherrn zeigen? Zu diesem Jammerbild passt auch, dass George Oniani das große bittere Lamento im 3. Akt („Dio! mi potevi“) nur stammelnd und japsend tönen ließ. Eine bemerkenswerte Interpretationsentscheidung, wenn es denn ein solche war! Jedenfalls wurde deutlich, dass der Mord an Desdemona nicht aufgrund übler, niederer Motive geschieht, sondern als Femizid, verübt von einer erniedrigten Person, die aufgrund scheinbar gekränkter Männlichkeit davon besessen ist, nicht anders handeln zu können. So gesehen musste man Otello auf der Bühne gar nicht als Außenseiter zeigen, weder als Schwarze Person noch durch seine soziale Stellung.

Dieser Femizid hätte sich womöglich auch ohne die Intrige von Jago ereignet, ohne das Eingreifen des personifizierten Bösen, als welches er sich selbst in seinem Credo im 2. Akt bezeichnet. Simone Piazolla macht daraus eine philosophische und psychologische Lehrstunde. „Credo in un Dio crudel“ kleidete er noch in einen donnernden Ausruf, um dann in ein reflektierendes Parlando zu wechseln. Das Böse erschien hier nicht als abscheulich, sondern zeigte sich wie verborgen in einer einnehmenden Kantabilität. Ein gesanglich überzeugendes Rollenporträt. Er dominierte auch szenisch durch seine raumgreifende Präsenz, so dass er die eigentliche Titelfigur war. Schon Verdi selbst hatte erwogen, die Oper „Jago“ zu nennen.

Leo Muscato, bisher in Bonn für das komische Fach und die Barockoper zuständig, hat das Geschehen in die Zeit des Zypernkriegs von 1974 verlegt, was ihm und seinen Ausstatterinnen auch die Gelegenheit gab, aus Desdemona eine moderne Figur zu machen, die in einem Militärambiente als Fotografin arbeitet. Die erste intime Begegnung zwischen Otello und ihr findet im Rotlicht ihrer Dunkelkammer statt. Später fotografiert sie Massenauftritte, z. B. den Huldigungschor „Dove guardi splendono“) im 2. Akt, der eigentlich ihr selbst gilt, und den Aufritt des Gesandten Lodovocio in einer weißen Operettenuniform. Das ist die Szene, in der sie von Otello vor den Augen aller erniedrigt wird, was an dieser Stelle szenisch etwas konstruiert wirkt. Kathryn Henry hat etwas Flackerndes und Unruhiges in ihrer Stimme. Das legte sich erst im 4. Akt beim „Lied von der Weide“ und im „Ave Maria“, das sie mit Innigkeit auf einer Kniebank vorträgt, im Gegensatz zu ihrem forschen Auftreten vorher.

Bonns GMD Dirk Kaftan kam es darauf an, in den vielen Dialogpartien auch das Orchester sprechen zu lassen als beredeter, quirliger Kommentar zum Geschehen, z. B. wenn Jago Cassio dazu bringen will, das Taschentuch (Otellos Liebespfand) zu präsentieren, eine szenisch durchaus komplizierte Situation. An anderer Stelle hörte man – wie in Jagos Credo – einen Orchester-Breitwandsound oder im Vorspiel des 4. Akts kammermusikalische Feinarbeit in den Melodielinien der Holzbläser. Solche klanglichen Differenzierungen hätten auch den Ensembles gutgetan, wie im 2. Akt, als Desdemona bei Otello um Gnade für Cassio bittet und zugleich Jago seiner Frau Emilia das Taschentuch entreißt. Was für den Hörer musikalisch kaum auseinander zu halten war, löste der Regisseur dadurch auf, dass er die Gruppen in verschiedenen Zimmern platzierte. Schlafzimmer, Büro, Labor, Mannschaftsstube, all diese Räume mit niedrigen Decken wurden immer wieder von links oder rechts hereingeschoben und ermöglichten schnelle Szenenwechsel fast wie im barocken Kulissentheater.

Die Sichtweise von Leo Muscato, Otello als psychisch labile Figur zu deuten, die in patriarchalen Strukturen gefangen ist, besitzt durchaus Erkenntnispotenzial. Dass er dabei die Oper über weite Strecken als Ausstattungstheater inszeniert, wurde vom Bonner Publikum am Premierenabend freundlich aufgenommen.

Premiere: 22. März 2026, noch bis 03.07.2026

Besetzung:
Otello: George Oniani
Desdemona: Kathryn Henry
Jago: Simone Piazzola
Cassio: Ryan Vaughan Davies
Roderigo: Tae Hwan Yun
Emilia: Susanne Blattert
Lodovico: Martin Tzonev
Montano: Christopher Jähnig
Herold: Seogjun Jang

Chor, Extrachor, Kinder-und Jugendchor des Theaters Bonn
Beethoven Orchester Bonn

Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Inszenierung: Leo Muscato
Bühne: Federica Parolini
Kostüme: Silvia Aymonino
Licht: Max Karbe
Chor: André Kellinghaus
Kinder- und Jugendchor: Ekaterina Klewitz

Theater Bonn: Verdi, „Otello“
zuerst erschienen in: „Opernwelt“