Sonja Runje als Griselda: Bildrechte: Bettina Stöß

09.03.2026 – Vivaldi, „Griselda“ in Wuppertal

Regisseurinnen und Regisseure von Barockopern stehen immer vor der Frage, ob sie die oft verwickelten Handlungen in eine heutige Welt übersetzen oder mit dem für die damaligen Opernbühnen selbstverständlichen Ansiedlungen in mythologischer Vorzeit oder zumindest in einer historischen Herrscherwelt konstruktiv umgehen. Mathilda du Tilliuel McNiol hat bei der Wuppertaler Produktion von Vivaldis Erfolgsoper „Griselda“ aus dem Jahr 1735, die eigentlich eine anrührende Geschichte von einer wegen ihrer niederen Herkunft verstoßenen Königsgattin erzählt, aus der Titelfigur eine zur Unternehmergattin aufgestiegene Nachtklubtänzerin gemacht, die in die von ihr geforderte Scheidung erst einmal nicht einwilligt und auch sonst nicht sehr leidet. Wenn Sonja Runje Griseldas „Son infelice“ singt, tänzelt sie und raucht Zigaretten. Vivaldi hat hier allerdings auch eine fröhlich klingende, hüpfende Musik geschrieben, was auf der Bühne zurecht eine Entsprechung findet.

Damit man die Umsiedlung der Geschichte in eine heutige Welt einigermaßen versteht, hat die Ausstatterin Noemi Daboczi gleich zwei Drehbühnen aufgebaut, die rechts ein Besprechungszimmer der Firma, ein Kinderzimmer, einen Flur, links ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer mit offener Küche und das Nachtclubambiente zeigen. Das alles ist detailreich ausgestaltet etwa wie die Kulissen einer Fernseh-Soap Opera. Auf der dramaturgischen Höhe einer Soap Opera ohne Tiefgang läuft das Geschehen dann auch ab, die Zurückweisung von Ottone, des halb-heimlichen Liebhabers von Griselda, die unbeholfenen Klammerungsversuche von Roberto, des Geliebten von Costanza, die die neue Gattin des Unternehmers Gualtiero werden soll, die Vermittlungsversuche des Personals von Gualtiero, den Michael Gibson als nicht sehr furchteinflößenden Patriarchen gibt. Nach ein paar Szenen lässt einen das Bühnengeschehen kalt und plätschert wie Fernsehen parallel zur Musik dahin. Wenn es im Libretto keine Action gibt wie in den vielen Gleichnisarien, in denen Gefühle mit Meeresstürmen oder Jagdszenen verglichen werden, gibt es auf der Bühne geschäftige pantomimische Nebenhandlungen, man kleidet sich um, bedroht sich stumm oder nimmt einen Drink, während die Singenden dann einfach herumstehen.

Musikalisch hingegen hat die Wuppertaler Produktion viel zu bieten. Sonja Runje in der Titelpartie, in der Alte Musik-Szene ein Star, deren tiefe, volltönende, überaus bewegliche Mezzostimme jede Barockopernvorstellung aufwertet, zeigt etwa in besagter Arie „Son infelice“ eine vorwärtsdrängende silbengenaue Deklamation in exakter Übereinstimmung mit dem Orchester, perfektem Registerausgleich und eine schöne unangestrengte Tragfähigkeit ihrer Stimme. Demgegenüber führte Rinnat Moriah als Contanza, die mit „Agitata da due venti“ die bekannteste Arie in der ganzen Oper hat, einen regelrechten Parforceritt durch ihre Stimmregister durch. Sie fokussiert zwar in der Höhe gerade noch, aber man spürte schon, welche Stimmbandakrobatik dazu notwendig war. Lidor Ram Mesika als Ottone hat womöglich die schwerste Arie mit „Dopo un’orrida procella“. mit Sprüngen hoch und runter und schwindelerregenden Koloraturen im rasanten Tempo. In die tiefen Lagen wechselte er immer wieder ins Baritonregister (Er singt tatsächlich auch solche Partien) und machte daraus ein Stilmittel. Gerben van der Werf als Roberto, der andere Countertenor, gefiel vor allem durch seine kraftvolle Tongebung und das natürlich wirkende Timbre seiner Stimme. Der Tenor Michael Gibson als Gualtiero zeigte in „Tu vorresti col tuo pianto“ perfekt ausgeformte Phrasierungen, detailreiche Wortausdeutungen und intelligente dynamische Schattierungen, und Marianna Ortugno als Corrado ließ in „La rondinella amante“, einer Gleichnisarie von der „treuen Schwalbe“, ihre Stimme unangestrengt im Dialog mit wortausmalenden Figuren in den Instrumenten perlen.

Das Wuppertaler Sinfonieorchester, ergänzt um einige Continuo-Instrumente, wurde vom dortigen Kapellmeister Yorgos Ziavras dirigiert, der laut seiner Biographie noch nicht als Alte Musik-Experte in Erscheinung getreten ist, sondern eher in der Neuen Musik zu Hause ist. Aber er machte seine Sache sehr gut, verstand, worauf in der Barockmusik ankommt, nämlich auf Klangtransparenz und rhetorische Artikulation. Er dirigierte alle Rezitative intensiv, was in der Alten Musik unüblich ist. Doch dieser Einsatz hat sich gelohnt, die Rezitative hatten einen dramatischen Fluss und führten zu einer beschleunigten Interaktion auf der Bühne. Die vom Graben aus musikalisch angetriebenen Dialogen klangen auf einmal wie sorgfältig auskomponierte Szenen.

Besuchte und letzte Vorstellung in der Spielzeit 2025/26: 08.03.2026, Premiere: 16.01.2026

Besetzung:
Gualtiero: Michael Gibson
Griselda: Sonja Runje
Costanza: Rinnat Moriah
Roberto: Gerben van der Werf
Ottone: Lidor Ram Mesika
Corrado: Marianna Ortugno

Sinfonieorchester Wuppertal

Musikalische Leitung: Yorgos Ziavras
Inszenierung; Mathilda du Tillieul McNicol
Bühne & Kostüme: Noemi Daboczi