25.01.2026 – Rameau, „Platée“ in Hagen
Haut Contre mit Stummfilmgrimassen
Nicholas Kok spielt mit dem Philharmonischen Orchester Hagen einen ganzen Abend lang französische Barocktänzen, denn auf fast jede Szene in Jean-Philippe Rameaus satirischer Oper „Platée über die Ambitionen der hässlichen Sumpfnymphe Platée, den Göttervater Jupiter heiraten zu wollen, folgt ein ausgedehnter Ballettreigen. Das funktioniert in Hagen stilgerecht, ohne Vibrato, mit schönen Verzierungen, klugen Tempoabstufungen und transparentem Klang, als hätte man ein französisches Spezialensemble vom Centre de Musique Baroque de Versailles eingeladen.
„On danse“ heißt es im Libretto an diesen Stellen lapidar. Der Choreograf Giovanni De Domenico hat mit der Hagener Ballett Kompagnie zur historisch informiert aufgeführten Musik aber keine originalen Barocktänze einstudiert, sondern in einer weiten stilistischen Bandbreite klassisches Ballett, Modern Dance, Musical, Break Dance bis hin zum Voguing gezeigt, und das alles so passgenau auf die Musik und die Szene, dass der Gegensatz barock und zeitgenössisch gar nicht mehr auffiel.
Das Stück heißt im Untertitel „Ballet Bouffon“, was wohl für den Choreografen Anlass und Legitimation war, daraus fast ein durchgehendes Handlungsballett zu machen. Besagtes Voguing, ein New Yorker Tanzstil, bei dem Modelposen aus der Modezeitschrift rhythmisiert werden, performen z. B. 4 Tänzerinnen und Tänzer, die ständig um Platée herum sind und ihr Innenleben verkörpern, von unbändiger zappeliger Freude bis zu drängender Ungeduld. Die anderen acht aus der Kompagnie – nicht minder virtuos – treten mal als Matrix-Soldatinnen auf, mal im barocken Tüll mit Federfächern als Entourage von La Folie, eine Art Zeremonienmeisterin eines in die Handlung eingeschobenen Divertissements, das wie ein Einsprengsel wirkt, von Rameau aber mit einer großen Sopranrolle bedacht wurde.
Für die Regisseurin Anja Kühnhold ist diese Figur der Stargast im Glitzerkleid in einem Nobelhotel. Dorthin hat sie den Schauplatz der ganzen Oper verlegt, anstelle einer ländlichen Gegend in Griechenland. Platée ist nicht länger eine Sumpfnymphe, sondern ein zugleich selbst bewusstes und verblendetes Zimmermädchen, das sich für unwiderstehlich hält. Schon bei Rameau war es eine Travestierolle, und in Hagen spielt Theodore Browne urkomisch mit Stummfilmgrimassen und gestelzten Posen. Er singt mit seinem Haute Contre die Partie stilistisch ganz auf der Höhe des französischen Barock bis hin zu seinem gleichermaßen energischen wie verletzlichen Zornesauftritt am Schluss, als die fingierte Hochzeit geplatzt ist. Gesanglich ihm ebenbürtig ist Anton Kuzenok als Mercure, der die flexiblen Wechsel zwischen der französischen Rezitativdeklamation und den Verzierungsgirlanden gekonnt meistert. Das gelingt nicht allen. Der Gesang von Angela Davis als La Folie klingt sehr nach romantischer Oper und Kenneth Mattice als Cithéron artikuliert zwar idiomatisch, kommt aber nicht richtig über das Orchester. Trotzdem, für ein nordrhein-westfälisches Stadttheater insgesamt eine sehr respektable Produktion.
Die Idee einer Hotelgesellschaft mit ihren Hierarchien funktioniert nicht nur dramaturgisch, sondern auch auf der Drehbühne. Die Ausstatterin Julia Katharina Berndt zeigt mal einen Ballsaal, dann ist man plötzlich bei den Garderobenspinden des Personals. Selbst dieser Schauplatz ist nicht nur die triste Kehrseite von Glanz und Glamour, sondern auch ein Kasperltheater, wenn in dem Schrank plötzlich Figuren zappeln und grinsen.
Der Choreograf und die Regisseurin steuern also durch eine temporeiche Komödie und holen das Stück als Gesellschaftssatire ohne ideologischen Ballast ins Heute. Auf diese Weise klug entbarockisiert steht „Platée“, das Rameaus Zeitgenossen noch verstörte (Voltaire: „das abscheulichste Schauspiel“), ebenbürtig neben den besten Operetten Offenbachs.
Premiere: 24.01.2026, noch bis zum 10.05.2026
Besetzung:
Platée: Theodore Browne
Jupiter: Dong-Won Seo
Junon: Hyejun Melania Kwon
Ein Satyr/Cithéron: Kenneth Mattice
Thespis/Mercure: Anton Kuzenok
Clarine/Amour: Nike Tiecke
Thalie/La Folie: Angela Davis
Momus: Hagen-Goar Bornmann
Ballett Hagen
Chor des Theaters Hagen
Philharmonisches Orchester Hagen
Musikalische Leitung: Nicholas Kok
Inszenierung: Anja Kühnhold
Ausstattung: Julia Katharina Berndt
Choreografie: Giovanni De Domenico
Chor: Julian Wolf
Licht: Martin Gehrke
Dramaturgie: Thomas Rufin