Szene aus dem Prolog von „Francesca da Rimini“ von Sergej Rachmaninow, Bildrechte: Pedro Malinowski

01.02.2026 –  Rachmaninow: „Francesca da Rimini“/ Puccini: „Gianni Schicchi“ in Gelsenkirchen

Slapstick im Kunstfaserblouson

Die Stücke könnten unterschiedlicher nicht sein. Für „Francesca da Rimini“, 1906 am Bolschoi uraufgeführt, hat Sergej Rachmaninow eine düstere, spätromantische Musik geschrieben. „Gianni Schicchi“ (Uraufführung 1918 an der Met) hat Puccini dagegen in einen quirligen, lebendigen Deklamationsstil mit einigen hineingeworfenen lyrischen Elementen gefasst. Der Unterschied ist so groß wie zwischen Richard Strauss und Igor Strawinsky oder Alexander von Zemlinsky und Kurt Weill, Zeichen dafür, welche Stilvielfalt zu Beginn des 20. Jahrhundert auf den Bühnen üblich war.

Beide Stück gehen auf Szenen in Dantes „Göttlicher Komödie“ zurück, bei „Gianni Schicchi“ ist es nur eine Fußnote, auf die die Titelfigur am Ende zu sprechen kommt, wenn er um mildernde Umstände bittet, anstatt wie bei Dante in die Hölle zu kommen, denn der Testamentsbetrug diente ja einem guten Zweck. Bei „Francesca da Rimini“ ist der Bezug zur Vorlage direkt. Dante und Vergil treten selbst auf und schreiten in die Hölle, wo sie auf das Liebespaar treffen, die dort ausharren müssen, weil sie die Todsünde der Wollust begangen haben.

Mehr Gemeinsamkeit lässt sich zwischen den beiden Stücken beim besten Willen nicht herstellen, auch wenn die Dramaturgie des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier sagt, auch die Querelen bei Erbschaftsstreitigkeiten könnten eine Hölle sein. Es war wahrscheinlich einfach der Reiz des Unterschiedlichen, beide Stücke zu einem Doppelabend zusammenzubringen, etwas was auch bei „Il trittico“ immer mitschwingt, wenn die drei Einakter von Puccini zu sehen sind.

Der Regisseur Manuel Schmitt hat Rachmaninows Stück aus dem gedanklichen Umkreis der unbedingten und verbotenen Liebe herausgelöst, man könnte auch sagen, aus der „Tristan und Isolde“-Thematik. Francesca und Paolo sind in seiner Lesart scherzend und zärtlich einander zugetan, und der Kuss am Ende des zweiten Bildes ist eine Art Sympathiebekundung. Susanne Serfling und Nenad Čiča singen und spielen das mit schöner Unangestrengtheit. Im Zentrum steht aber der psychopathische Ehemann Lanciotto, der in seinem Wahn aus Besitzanspruch und erlebter Zurückweisung sich so verirrt, dass er ein Femizid an Francesca begeht. Der dröhnend drohende Bariton von Simon Stricker verleiht dem einen furchteinflößenden Ausdruck. Dirigent Giuliano Betta hat Rachmaninows Musik klugerweise an diesen Stellen entromantisiert und gewaltige Klanggebirge aufgeschüttet. Die Szene wird so entgegen der Stückanlage, wo Dante und Vergil sich die Begebenheit bloß erzählen lassen, in eine brutale Realität hineingeholt. Die Hölle in den Rahmenteilen des Stücks ist auf der Gelsenkirchener Bühne dann auch nicht der Ort, an den die Liebenden ungerechterweise verbannt sind, sondern ein grauenerregendes Panoptikum begangener Femizide vieler Männer.

Nach der Pause gab es Situationskomödie und Slapstick in der Mode der 1960er-Jahre. „Gianni Schicchi“ spielte im selben Raum, der von einem großbürgerlichen Salon jetzt in ein Büro– und Aktenzimmer verwandelt wurde, wo regelrechte Papierorgien stattfinden, um das Testament zu finden, das dann von Gianni Schicchi zu seinen bzw. seiner Tochter Laurettas Gunsten verändert wird. Benedict Nelson tritt im schmuddeligen Kunstfaserblouson und Trainingshose sowie ungepflegten Haaren auf. Er macht aus der Figur einen Underdog in einer Mischung aus Falstaff und Rigoletto. Nelson ist trotz seiner mächtigen Gestalt ein beweglicher Erzkomödiant und versierter Sänger, dessen Wortkaskaden auf eleganten Gesangslinien perlten. Bis zu seinem Auftritt gab es allerdings auf der Bühne ein wenig zu viel Parlando und im Graben manche Konfusion. Fast schon anrührend mit kindlicher Attitüde, aber schönen Timbre das „O mio babbino caro“ von Heejin Kim.

Dass allerdings die Spielfläche der beiden Räume von der Bühnenbildnerin Julia K. Berndt in halber Höhe angesiedelt wurde und man darunter nur ein dunkles Band sah, war in den Höllenszenen noch nachvollziehbar, erzeugte in der Komödie aber eine Distanz, die durch die choreographische Ensemble-Virtuosität erst einmal überspielt werden musste.

Premiere 31. Januar 2026 noch bis 25.04.2026

Besetzung:
„Francesca da Rimini“:
Francesca: Susanne Serfling
Lanciotto Malatesta: Simon Stricker
Paolo: Nenad Čiča
Dante: Khanyiso Gwenxane
Vergil: Philipp Kranjc

„Gianni Schicchi“:
Gianni Schiccchi: Benedict Nelson
Lauretta: Heejin Kim
Zita: Almuth Herbst
Rinuccio: Khanyiso Gwenxane
Gherardo: Sergio Augusto
Nella: Yeeun Yeo
Gherarddino: Ben Jamal Akki
Betto von Signa: Yevhen Rakhmanin
Simone: Philip Kranjc
Marco: Simon Stricker
La Ciesca: Anke Sieloff
Arzt: Maksim Andreenkov
Notar: Piotr Prochera
u.a.

Opernchor des MiR
Neue Philharmonie Westfalen

Musikalische Leitung: Giuliano Betta
Inszenierung: Manuel Schmitt
Bühne: Julia K. Berndt
Kostüme: Carola Volles
Licht: Patrick Fuchs
Chor: Alexander Eberle
Dramaturgie: Larissa Wieczorek