autographe Titelseite von "The Planets" von Gustav von (sic!) Holst; der Titel "Planeten" taucht hier noch nicht auf!

08.03.2026 – Eine torkelnde Lady

Der Geiger Renaud Capuçon mit dem Gürzenich-Orchester unter Ludovic Morlot

Im Mittelalter gehörte die Musik zusammen mit der Astronomie zu den sieben freien Künsten. Da ging es um mathematische Proportionen, um die klingenden Zahlen und die bewegten Zahlen. Das hatte Gustav Holst sicher nicht im Sinn, als er 1914 begann, seinen Planeten-Zyklus zu komponieren. Holst war ein vielseitig interessierter Mensch, der sich auch für die Astrologie begeisterte und gerne Horoskope deutete. Und so ist sein berühmtes Orchesterstück manchmal als klingender Horoskop bezeichnet worden. Aber auch das trifft es eigentlich nicht. Viel eher müsste man an musikalische Porträts der mythologischen Gestalten denken, die den Planeten ihre Namen gaben. Der Zyklus beginnt mit dem Kriegsgott Mars, eine martialische Musik im Fünfvierteltakt, die sich immer wieder zu dissonanten Klangballungen verdichtet. Ludovic Morlot ließ mit dem Gürzenich-Orchester keinen Zweifel daran, dass es hier wirklich um die Verbreitung von Schrecken und Angst geht. Bei der Uraufführung 1918, als der Erste Weltkrieg noch tobte, fanden die Zuhörer das „Gebrüll“ des Kriegsgotts unerträglich, wie sich Holsts Tochter erinnerte.

Beim Gebrüll blieb es aber in Kölner Philharmonie nicht. Schon im 2. Satz „Venus, die Friedensbringerin“ hörte man ein feinziseliertes Miteinander der solistisch versierten Orchestermusiker. Violine, Cello, Oboe, Klarinette, Hörner – später am Abend dann noch Pauke und Tuba – spielten sich die Melodiepartikel in einem kammermusikalischen Reigen zu. Beim „Freudenbringer“ Jupiter gelang es Ludovic Morlot, die große, leicht holpernd brachiale Geste und den immer durchschimmernden Volkston zu verbinden, worauf beim Saturn, der bei Holst das Alter repräsentiert, ein nachdenklich, fahler Ton angestimmt wurde, als hätte man eine neue Version des Vorspiels zum dystopisch beginnenden dritten Aufzugs von Wagners „Parsifal“ vor sich. Am Ende des Planetenreigens steht der Mystiker Neptun, dessen Musik im vierfachen Piano mit Harfen-Arpeggien, Celesta-Girlanden und Streichertremoli, vor allem aber mit den Vokalisen eines Frauenchors erstirbt. Die Sängerinnen der Kölner Musikhochschule platzierten sich vor den Einlasstüren und ihr Diminuendo wurde durch sich schließende Türen erzeugt. Ein toller Effekt, wenn nicht der Weckton eines Handys hineingeplatzt wäre.

Vor der Pause zelebrierte der Stargeiger Renaud Capuçon Samuel Barbers Violinkonzert op. 14. Das Stück ist so simpel wie effektvoll in seiner Einfachheit. Bei Renaud Capuçon war man aber ein bisschen unsicher, ob das lange Solo, mit dem das Stück einsetzt, in dem leicht näselnden, nicht sehr singenden Ton seiner Geige als eine Art Understatement zu verstehen war. Dazu fehlte aber die improvisatorische Beiläufigkeit, und auch sein ganzes Auftreten zeigte eher demonstratives Virutosentum, das eigentlich erst im Schlusssatz mit seinen rauf und runter rasenden Skalen, die Capuçon bravourös meisterte, gefragt ist. Merkwürdig war in der Tat, dass im Mittelsatz, der mit einer großen Orchesterintroduktion beginnt – wie später bei Gustav Holst – die Solisten des Orchesters für Klangschönheit sorgten.

Das Konzert begann mit einer Orchestersuite, die der englische Komponist Thomas Adès aus seiner Kammeroper „Powder her Face“ zusammengestellt hat. In dieser Oper geht es um Margaret Campbell, die „Dirty Duchess“, die in England für ihren ausschweifenden Lebensstil berühmt und berüchtigt war. Diese Musik ließ Morlot so spielen, als torkelte eine leicht beschwipste Lady durch die Szene, so schräg klangen die Jazz-Glissandi, die quäkenden Bläser, die abgerissenen Figuren im Walzer, bis die Musik im Finale förmlich auseinander bricht.