Lucca Züchner (Karajan), René Neumann (Bernstein). Bildrechte: Marina Baranova

19.02.2025 – Peter Danish, „Last Call“ an den Hamburger Kammerspielen

Wer war Herbert von Karajan, wer war Leonard Bernstein? Die größten Dirigenten in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Sie wussten natürlich von einander, vielleicht beobachteten sie einander auch. Und sie sind wohl auch einander begegnet. Ein Treffen wurde von einem Barkellner bezeugt. Es fand 1988 im Hotel Sacher statt. Was genau da besprochen wurde, hat der Kellner dem Autor Peter Danish, der Jahre später ebenfalls sein Gast war, nicht überliefert. Peter Danish hat aus dieser Begegnung ein Dreipersonen-Stück gemacht, das letzten März mit großem Erfolg am Broadway uraufgeführt wurde und nun auf Deutsch an den Hamburger Kammerspielen herauskam.

Karajan und Bernstein unterhalten sich 90 Minuten lang, der Kellner Michael bedient beflissen. Einmal, wenn von Maria Callas und „Lucia di Lammermoor“ die Rede ist, schlüpft Victor Petersen von der Rolle des Obers ins Kostüm der Sängerin und zelebriert mit seiner Counterstimme die Arie „Il dolce suono“. Szenenapplaus!

Worüber unterhalten sich die Dirigenten: über ihre gesundheitlichen Probleme, über ihre Kunstanschauungen und über Karajans Rolle im Dritten Reich. Wie kann man gleich zweimal in die NSDAP eintreten, wirft Bernstein seinem Kollegen vor. Er rechtfertigt sich, er habe im Schatten Hitlers gewirkt, aber nie an Aktivitäten der Nazis teilgenommen, er könne keine Schuld empfinden, wohl aber Scham. Diese Stelle ist eigentlich der Dreh-und Angelpunkt des ganzen Abends und dieses von Peter Danish Karajan in den Mund gelegte Bekenntnis deckt sich auch mit dem Befund des jüdischen Historikers Michael Wolffsohn in seiner gerade erschienenen Karajan-Biographie, wonach der Dirigent kein Gesinnungs-Nazi war.

Im Theaterstück wird dieses Geständnis aber dadurch entwertet, dass Bernstein gleich danach sich ebenfalls zerknirscht zeigt, weil er nichts dagegen unternommen habe, als Karajan bei seinem USA-Debüt 1955 in der Carnegie Hall ausgebuht wurden. Als ob sich das eine mit dem anderen vergleichen ließe!

Karajan wird von Lucca Züchner gespielt, Bernstein von René Neumann. Die beiden Frauen verkörperten die Dirigenten auch schon bei der New Yorker Uraufführung. Irgendwann sieht und erlebt man in der Regie von Gil Mehmert nur noch zwei alte Männer auf der Bühne, so sehr gelingt die Verwandlung, unterstützt durch Outfit und Maske: Rollkragenpullover und nach hintern gelegtes Haar bei Lucca Züchner, lässiger Look bei Helen Schneider. Aber sind es wirklich die beiden Dirigentenpersönlichkeiten, die man hier erlebt, von denen man ja eine Vorstellung durch Probenmitschnitte, Interviews, Konzertfilme und Musikvermittlungsaktivitäten (Bernsteins Young People’s Concerts) hat. Hier der erratische Karajan mit knarzender Stimme, dort der joviale Entertainer Bernstein, so hat man sie in der Öffentlichkeit immer wahrgenommen. Und genau diese Typen prägen die beiden Schauspielerinnen mit großer Virtuosität aus, aber wer sind die Menschen dahinter? Kaum vorstellbar, dass sie in der Bar nur Bekenntnishaftes von sich gegeben haben, wozu auch die Laster, Bernsteins exzessiver Zigarettenkonsum, Karajans Eitelkeit, gehören.

Bekenntnishaft auch der Austausch über die jeweiligen Kunstvorstellungen, und zwar in gegenseitigen Zuweisungen. Karajan in Richtung Bernstein: Wenn Du Bruckner so aufführst, wie du es bei Mahler tust, mit den Übertreibungen im Tempo und der Dynamik, wäre das ein Desaster. Die Partitur ist etwas Heiliges. Und Bernstein Richtung Karajan: Dein Taktstock ist wie ein Diamantenschneider, so sehr geht es Dir um die Exaktheit. Hast Du nie den Wunsch verspürt, auch Musik zu erschaffen wie ich (immerhin ist Bernstein der Kompost der West Side Story). Karajan: Ich forme Musik, aber er ist Musik.

Dieses Geständnis ist neben der Differenzierung zwischen Schuld und Scham, die eindrücklichste Aussage des Abends, so dass am Ende Karajan, so wie ihn der Autor vermittelt, vielleicht sogar mehr Sympathiepunkte verbuchen kann als der eigentlich charismatische Bernstein.

Deutsche Erstaufführung: 18.02.2026 noch bis zum 08.03.2026

Besetzung
Leonard Bernstein: Helen Schneider
Herbert von Karajan:, Lucca Züchner
Michael, Ober: Victor Petersen

Regie: Gil Mehmert
Bühne: Chris Barreca
Kostüme: René Neumann
Licht: Michael Grundner
Video: Austin Switzer
Ton: Christian Tepfer