Villa-Lobos: „Yerma“ im Auditorio de Tenerife
„Yerma“ ist ein Drama von Federico García Lorca. Yerma heißt so viel wie ausgedörrt und unfruchtbar. Yerma ist auch der Name der Titelfigur, eine Frau im ländlichen Andalusien, die sich mit Juan, den ihr Vater ausgesucht hat, nur verheiratet hat, weil sie sich in eine Mutterrolle flüchten will. Sie bekommt aber Jahr um Jahr kein Kind. Als sie in Gesprächen mit anderen Frauen realisiert, dass es nicht an ihr liegt und Juan ihr das indirekt bestätigt, aber Sex mit ihr will, hat sich ihre Verzweiflungsspirale so weit gedreht, dass ihren Mann umbringt. „Yerma“ gehört zur sogenannten ländlichen Trilogie von García Lorca; „Bernarda Albas Haus“ und „Bluthochzeit“, die beiden anderen Dramen, haben mit Aribert Reimanns und Wolfgang Fortners Vertonungen Eingang in die Opernliteratur gefunden. „Yerma“ wurde 1955-56 von dem brasilianischen Komponisten Heiter-Villa-Lobos komponiert.
Uraufgeführt wurde die Oper gut 11 Jahre nach dem Tod von Villa-Lobos 1971 in Sante Fé; später gab es Aufführungen in Brasilien und auch einige wenige in Europa u. a. in Bielefeld 1990 (Opernwelt 2/91), meist in den jeweiligen Landessprachen. Das hatte vor allem rechtliche Gründe, denn Villa-Lobos hatte sich nie um eine Genehmigung zur Vertonung bemüht. So betrachtet José Luis Rivero, der künstlerische Leiter der Oper Teneriffa, seine Produktion als europäische Erstaufführung der Originalversion, zu der der brasilianische Dirigent Luiz Fernando Malheiro eine kritische Fassung hergestellt hat, die all die Notizen berücksichtigt, die die Schüler von Villa-Lobos in dessen letzten Lebensjahren anfertigten.
Ungewöhnlich ist, dass Villa-Lobos García Lorcas Drama wortwörtlich vertont hat, ohne jeden Strich. Das ergibt eine zweieinhalbstündige Literaturoper im strengsten Sinn, was insbesondere für die Sängerin der Titelrolle eine enorme Herausforderung bedeutet, die nicht nur ständig auf der Bühne ist als Dialogpartnerin von Juan, von ihrer Jugendliebe Víctor, von ihrer schwangeren Freundin María, den Schwestern von Juan, die auf sie aufpassen sollen, und einer Frau, die ihr den Ratschlag erteilt, mit okkulten Praktiken Fruchtbarkeit zu erlangen. Sondern Yerma ist auch die Person in dem Stück, die in ausgedehnten Monologen und drastischen Bildern ihr unverschuldet misslungenes Leben reflektiert („Die Hündinnen zeigen mir ihre verschlafenen Jungen, während ich Hammerschläge spüre, anstelle den Mund meines Kindes“).
In Teneriffa lieferte die spanische Sopranistin Berna Perles ein überzeugendes Rollenporträt dieser Figur. In einem kuttenartigen, leichten Kleid fordert sie, träumt und zeigt auch in leicht lasziver Pose, dass ihr das sinnliches Begehren noch nicht abhanden gekommen ist. Der Mord an Juan ist fast zwangsläufig und nicht kaltblütig. Perles‘ Stimme ist klar und tragfähig. Die Partie ist weniger virtuos als anstrengend. Man hört deklamatorische Linien mit latent angespannter Dramatik, aber fast ohne Ausbrüche, was auch für die anderen Rollen gilt.
Villa-Lobos‘ Tonsprache ist spätromantisch-tonal und in diesem Werk ohne folkloristische Farben, wenn man vom Einsatz einiger Instrumente absieht, etwa den Gitarren, die man in Teneriffa aber nicht hörte. Der Orchestersatz ist dick, eine leitmotivische Strukturierung nimmt man aber nicht wahr. Er bildet den pastosen Hintergrund zum Bühnengeschehen und deckt dieses oft auch zu, was besonders bei Yerma dazu führte, dass man sich an der Übertitelung orientieren musste. Der Dirigent Luiz Fernando Malheiro erklärte zwar im Gespräch, sein Hauptanliegen sei es gewesen, eine klangliche Transparenz herzustellen. Es lag aber wohl am Tonsatz von Villa-Lobos selbst, dass dies mehr oder weniger nicht gelang.
Wahrscheinlich ist diese Art der Vertonung auch der Grund, weswegen die Oper sich auf den Spielplänen bisher nicht durchsetzen konnte. Dabei ist das Stück von García Lorca an vielen Stellen selbst opernhaft angelegt. Die herb-pastorale Farbe ist schon durch die Lieder vorgezeichnet, die die Wäscherinnen, der Schäfer Víctor singen oder das ungeborene Kind am Anfang. Bei Villa-Lobos ist der Unterschied zwischen Singen und Deklamieren aber völlig eingeebnet. An anderer Stelle ist man erstaunt, wenn es für Momente plötzlich nach Puccini klingt mit einer echten Gesangslinie und einer fließenden, begleitenden Orchesterlinie, dort wo Yerma Juan heftig entgegnet, erst wenn sie im Sarg liege, würde sie ihren Kinderwunsch aufgeben.
Alejandro Roy als Juan mit kräftigem, durchdringenden Tenor und Javier Castañeda als Víctor mit schmelzendem Bariton hatten es einfacher, gesangliche Prägnanz zu zeigen, ihre Phrasen sind kürzer und besser vom Orchester abgehoben. Insgesamt war die Besetzung in Teneriffa, auch was die anderen Rollen anbelangt, Anna Gomà als quirlige María und María José Montiel als Dolores, auf einem großstädtischen Niveau, das das Opernhaus der Insel, wie Intendant Rivero erklärte, auch durchaus anstrebt, hinter den nationalen Aushängeschildern Gran Teatro del Liceu und Teatro Real und gleich nach dem Palau in Valencia oder dem Teatro de la Maestranza in Sevilla.
Der Regisseur und Bühnenbildner Paco Azorín lässt das Drama nicht im ländlichen Andalusien spielen, sondern in einem modernen Ambiente. Für ihn ist die Unfruchtbarkeit Yermas ein Symbol für eine geschändete Umwelt. So arbeitet Juan nicht in den Olivenhainen sondern hantiert mit Ölfässern und Kanistern mit giftiger Flüssigkeit. In einem Bassin, eine technisch aufwändige Konstruktion, die die ganze Bühne einnimmt, steht am Anfang ein junger Knabe angelnd im Regen und ganz am Schluss wird Yerma von Wasser überströmt. Die anderen Frauen tragen schwarze städtische Kleidung (Kostüme: Ana Garay), geben sich emanzipiert und sexuell freizügig, während Yerma in ihrer Kutte immer bei sich und in ihrer Gefühlswelt bleibt. Die Personenführung des Regisseurs integriert sich in die angedeutete industrielle Welt und ist zugleich nah am dramatischen Verlauf.
Mit der Produktion von „Yerma“ hat die Oper Teneriffa eine ambitionierte Spielzeit begonnen mit etlichen Koproduktionen, im Fall von „Yerma“ sind es die brasilianischen Opernhäuser in Manaus und Belém und das Madrider Teatro de la Zarzuela, wo die Produktion 2027 herauskommen soll anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der „Generación del 27“, ein in der spanischen Literaturgeschichte stehenden Begriff für einen Dichterzirkel um García Lorca.
Dazu kommen sieben weitere Neuproduktion im Auditorio de Tenerife, und das Festival Opera en Minúscula, bei dem im schon September Kammeropern auf der ganzen Insel an ungewöhnlichen Spielstätten präsentiert wurden. Damit will José Luis Rivero ein breites Publikum erreichen, das sich auch bei „Yerma“ in dem 1600 Plätze umfassenden großen Haus versammelte, wo man nicht nur das traditionell bürgerliche Publikum sah, sondern junge, leger gekleidete Menschen neben älteren im Alltagslook, als wären sie gerade vom Einkauf zur Premiere gekommen, um natürlich, bevor das Geschehen auf der Bühne begann, sich auf das WM-Qualifikationsspiel Spanien gegen Bulgarien auf dem Handy zu konzentrieren.
Rivero ist stolz auf sein Publikum aus allen Schichten. Darin unterscheidet sich sein von der öffentlichen Hand getragenes Haus von der Oper auf der Nachbarinsel Gran Canaria, übrigens dem Geburtsort des Tenors Alfredo Kraus, wo ein privater Verein, in dem historischen Teatro Pérez Galdos einen mehr traditionellen Spielplan anbietet.
Premiere: 14. Oktober 2025
Besetzung:
Yerma: Berna Perles
Juan: Alejandro Roy
Víctor: Javier Castañeda
María: Anna Gomà
Dolores: María José Montiel
u.a.
Orquesta Sinfónica de Tenerife
Coro Ópera de Tenerife-Intermezzo
Musikalische Leitung: Luiz Fernando Malheiro
Inszenierung und Bühne: Paco Azorín
Kostüme: Ana Garay
Video: Pedro Chamizo
Licht: Pedro Yagüe
Chor: Miguel Ángel Arqued