
Vivaldi, „Hotel Metamorphosis“ (Pasticcio) bei den Salzburger Festspiele 2025
Die Idee ist gut: die schönsten Arien aus den etwa 20 von 50 überlieferten Opern Vivaldis heraussuchen und in fünf Episoden einzubauen, die von dem Dichter Ovid in seinen „Metamorphosen“ erzählt werden. Barrie Kosky hat sich dieses Konzept ausgedacht und daraus für die Salzburger Pfingstfestspiele einem vierstündigen Opernabend geformt, der bei den Sommerfestspielen wiederaufgenommen wurde.
Ausgewählt hat er die Geschichten von Pygmalion, Arachne, die mit ihrer Webkunst den Kampf mit Minerva aufnimmt, Myrrha, die ihren Vater sexuell begehrt, Echo und Narziss und Eurydice in der Unterwelt. Erzählt werden die Geschichten in deutschen Ovid-Übersetzungen von der Schauspielerin Angela Winkler in knappen, durchaus unterhaltsamen Sätzen in schöner Sprache.
Die Arien von Vivaldi lassen sich bestimmten Typen zuordnen. Es gibt Sehnsuchtsarienarien, Sturmarien, Empörungsarien, Schlafarien usw. Für jeden Typus gab es im Barock ein bestimmtes musikalisches Vokabular (das auch andere Komponisten verwendeten), z.B. die Verwendung bestimmter Instrumente. So wird die Oboe für das ländliche, pastorale Idyll eingesetzt, die Traversflöte für den Schlaf, aggressive Streicherfiguren mit Blechblasinstrumenten für kriegerische Momente. Rasche Koloraturen im schnellen Tempo gehören ebenso zu den Kriegs- und Rachearien, im Gegensatz zu langen Kantilenen für Sehnsucht oder Verzweiflung. Dass diese Auswahl von knapp 30 Arien sich in das neue dramaturgische Konzept von Kosky überhaupt einpassen lässt, liegt daran, dass sich die Arientexte nie auf konkrete Handlungsmomente der Opern beziehen, aus den sie stammen, sondern auf bestimmte allgemeine Affektmomente.
Das neue Arrangement ist intelligent gemacht. Herrlich wie Lea Desandre als Echo in dem pastoralen „Zeffiretti che sussurrate“ als junges liebenswürdiges Mädchen um Narcissus wirbt, der unbeeindruckt bleibt oder Philippe Jaroussky als Pygmalion, verkleidet als Biedermann mit Schnurrbart und Hornbrille, in „Sovente il sole“ nach einem Diner im Hotelzimmer mit der von ihm geschaffenen Puppe ins Bett geht will oder Nadezhda Karyazina als Minerva die stolze Arachne in „Transit aetas“ in die Schranken weist. Cecilia Bartoli hat ihren großen Auftritt als Eurydice in der Unterwelt. Das Hotelzimmer, in dem die anderen Szenen spielen, ist dann nach oben gezogen worden. Auf der schwarzen Unterbühne, bevölkert von Sensenmännern, singt sie tastend, stockend, von Schmerz ergriffen die berühmte Arie „Gelido in ogni vena“ – „Eiskalt fließt mir das Blut“ aus der Oper „Il Farnace“ und küsste in dieser ergreifenden Schlussnummer den abgeschlagenen Kopf von Orpheus.
So intelligent dieses Konzept von Barrie Kosky auf der Bühne realisiert ist, inklusive frischer, athletischer, mal lustiger Balletteinlagen mit queeren Blumenmädchen, mal bedrohlicher Angriffshaltung, wenn sich die Tänzer in kläffende Hunde verwandeln, am Ende kommt es auf den Gesang an. Und hier genügte eigentlich nur Lea Desandre mit ihrem klaren, in allen Registern ausgeglichenen Timbre und ihrer Beweglichkeit den besonderen Anforderungen des barocken Belcanto. Dazu gehören virtuose Koloraturen eingebettet in eine fein gesungene Gesangslinie, unangestrengte Höhe, langer Atem für lange Töne mit geschmackvoll angebrachtem messa di voce.
Cecilia Bartoli ließ abgesehen von der Schlussnummer, stimmliche Präsenz vermissen. Sie singt zwar immer noch Koloraturen mit stupender Geschwindigkeit, wirkte manchmal aber wie außer Atem mit wenig stimmlicher Präsenz. Philippe Jaroussky hat in seiner Stimme auch viel von der Reinheit und Beweglichkeit verloren, obwohl er mit seiner Erfahrung immer noch ein guter bis sehr guter Countertenor ist. Nadezhda Karyazina verfügt über einen sehr dunklen Mezzosopran und singt mit viel Kraft und Feuer, war aber vielleicht nicht ganz ideal besetzt für die Mezzo-Arien bei Vivaldi, die fast immer schon in Richtung Koloratursopran tendieren.
Das Orchester Les Musiciens du Prince- Monaco unter Gianluca Capuano spielte historisch informiert mit sauberer Artikulation und setzte die vielen Soloinstrumente vom Salterio bis zum Chalumeau geschickt in Szene. Capuano fand die richtigen Tempi, allenfalls in der Klanggebung wirkte das Orchester, vielleicht bedingt durch die akustische Situation im Haus für Mozart, etwas spröde.
Barrie Kosky sagte, er wolle für die Opern von Vivaldi eine Lanze brechen. Dazu hätte es wie hier eines Pasticcios bedurft, da einzelne Vivaldi-Opern, vollständig aufgeführt, wegen der für die Barockoper typischen umständlichen Dramaturgie zu viele Längen hätten. Das was er mit Vivaldis Musik gemacht hat, sieht auf der Bühne schön aus, ist stringent erzählt und spart auch nicht mit Situationskomik, ist aber mit über drei Stunden reiner Spieldauer eindeutig auch zu lang. Trotzdem großer Jubel für alle Beteiligten.
Premiere: 06.06.2025 (Pfingstfestspiele), besuchte Vorstellung: 10.08.2025, noch bis zum 15.08.2025
Besetzung:
Eurydice / Arachne: Cecilia Bartoli
Statua / Myrrha / Echo: Lea Desandre
Minerva / Nutrice / Juno: Nadezhda Karyazina
Pygmalion / Narcissus: Philippe Jaroussky
Orpheus:Angela Winkler
Il Canto di Orfeo
Les Musiciens du Prince — Monaco
Musikalische Leitung: Gianluca Capuano
Regie und Konzept: Barrie Kosky
Choreografie: Otto Pichler
Bühne: Michael Levine
Kostüme: Klaus Bruns
Licht: Franck Evin
Video: rocafilm
Konzept und Dramaturgie: Olaf A. Schmitt
Musikalische Edition: Pedro Beriso
Choreinstudierung: Jacopo Facchini