One Morning Turns Into An Eternity: Ausrine Stundyte, in: Schönberg: „Erwartung“, Bildrechte: SF / Ruth Walz

Schönberg, „Erwartung“, Mahler, „Der Abschied“ in „One Morning Turns into an Eternity“ bei den Salzburger Festspielen 2025

Das Thema des Abends waren weniger die Geschichten zweier Frauen. Nicht die Gefühlsexplosionen, Ungewissheit, Hoffnung, Eifersucht und Trauer der Frau, die ihren Liebhaber sucht und tot findet in Schönbergs „Erwartung“. Nicht die buddhistisch angehauchten Jenseitsfantasien bei Mahlers Schlusssatz mit dem Titel „Abschied“ aus dem „Lied von der Erde“, beides zu dem Musiktheaterabend „One Morning turns into an Eternity“ bei den Salzburger Festspielen zusammengefügt.

Das Thema des Abends war ein rein musikalisches, nämlich wie nah sich die Tonsprachen von Schönberg und Mahler sind, die übrigens einander sehr schätzen. Normalerweise gelten sie in ihrer Auseinandersetzung mit der Spätromantik als gegensätzlich. Schönberg, der radikaler Neuerer, der (auch in „Erwartung“, seinem ersten Musiktheaterstück) atonal komponierte, später die 12-Ton-Musik erfand. Dagegen Mahler, der der symphonischen Orchesterfülle und chromatisch reich gefärbten Harmonik seiner Zeitgenossen ein durch Elemente fremder Sphären wie Volksmusik angereichertes Geschehen entgegensetzte und dabei die Tonalität bis an ihre Grenzen reizte, aber nie überschritt.

Dem Dirigenten Esa-Pekka Salonen gelang es, Schönbergs „Dissonanzenmusik“ in Richtung Fasslichkeit und Ausdruckshaftigkeit zu treiben. Da gab es filigrane Klänge zu Beginn, da gab es die kontrollierten Orchesterattacken, die aber sofort wieder zurückgenommen wurden, da gab es die Öffnung des Orchesterklangs, dass man gewissermaßen in ihn hineinhören konnte, sforzati des tiefen Blechs, das Perlen der Celestaklänge, die durchaus vorkommenden Kantilenen der Holzbläser. Bei Mahler akzentuierte Salonen dagegen die dissoziativen Momente, die marschartigen Passagen waren ohne Wucht, eher nachdenklich tastend, die ständigen leitmotivischen Kreisbewegungen der Oboe wirkten, als ob das tonale Zentrum verloren wäre und der Orgelpunkt am Anfang wie eine Simultanmusik aus dem Geiste des viel späteren Charles Ives. Am Ende klang Schönberg ein wenig wie Mahler und umgekehrt. Dazwischen erklangen – fast unmerklich die fünf Orchesterstücke op.10 von Anton Webern.

Eigentlich sind beiden Stücke dramatische Kompositionen für Frauenrollen, insbesondere Schönbergs „Erwartung“. In Salzburg konnte oder wollte Ausrine Stundyte in der Rolle der „Frau“ aber das Geschehen nicht auf sich beziehen. Dazu blieb ihre Stimme zu sehr im Unspezifischen, schon was die Textverständlichkeit und Deklamationsschärfe anbelangt. Auch die Altisten Fleur Barron wirkte bei Mahler nicht wie eine Priesterin, die ein visionäres Weltabschiedslied vorträgt, sondern wie eine unentschlossen suchende Person.

Und zwar inmitten der aus Stahlstelen auf der rechten und Felssteinen auf der linken Seite bestehenden Bühne. Regisseur Peter Sellars ließ klugerweise in dieser Produktion dem musikalischen Geschehen den Vortritt. Zwar wird der „Frau“ gleich zu Beginn ein Leichensack übergeben, aber das hat mehr symbolische Bedeutung, ebenso wie der Stahlwald. Schließlich illustriert Sellars die Gesangstexte durch eine direkte Lichtregie; die Vokabeln gelb, rot und Helle werden so umgesetzt, als hätte man es mit einer Lichtfarbenmusik à la Skrjabin zu tun.

Premiere: 27.07.2025, besuchte Vorstellung: 10.08.2025, noch bis zum 18.08.2025

Besetzung:
Ausrine Stundyte (Eine Frau, in: „Erwartung“)
Fleur Barron (in: „Der Abschied“)

Wiener Philharmoniker

Musikalische Leitung: Esa-Pekka Salonen
Regie: Peter Sellars
Bühne: George Tsypin
Kostüme: Camille Assaf
Licht: James F. Ingalls
Dramaturgie: Antonio Cuenca Ruiz