Andreas Schager (Parsifal) im 2. Aufzug, Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wagner, „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen 2025

Die „Parsifal“-Aufführung bei den Bayreuther Festspielen war eine Lehrstunde des Theaters, und zwar umgekehrt, als man es erwarten würde. Oft habe ich mich gefragt, wieso im Festspielhaus (und nicht nur dort) die Konzentration auf das Geschehen auf einer Bühne möglich ist, die so weit weg ist, dass man die Sänger nur noch schemenhaft wahrnimmt. Es gelingt offenbar, sich auf das Bühnenleben so auszurichten, dass man innerlich die eigentlich vorhandene Distanz überbrückt. Man wird Teil des Geschehens auf der Bühne.

Die Wagner’sche Musik hilft dabei sehr, denn das Theater, das ihm vorschwebte, wird wesentlich durch den Gesang als gesteigerte Rede befördert. Der musikalische Teil des Theaters war bei der Bayreuther-„Parsifal“-Aufführung in hohem Maße vorhanden, nicht aber die Möglichkeit der Fokussierung auf den Bühnenraum, sofern man die AR-Brille aufsetzte, die man benötigte, um die Inszenierung von Jay Scheib vollständig zu erfassen.

Mit der Brille sah man im zweiten Aufzug ein riesiges Blumenmeer, im dritten umherfliegende Handgranaten und im ersten Aufzug einen toten Schwan, der mittels Augmented Reality zum Greifen nah da lag, obwohl man in der 27. Reihe saß. Sowie hunderte weitere virtuelle Requisiten, mal mehr, mal weniger das eigentliche Bühnengeschehen illustrierend. Das aber verlor sich im Raum der künstlich erzeugten Dreidimensionalität, weil man keine Menschen mehr erlebte. Und wenn man sich schon in diesen Raum begibt, hätte man doch wenigstens bei Gurnemanz‘ Spruch „Zum Raum wird hier die Zeit“, beim Übergang in die Gralswelt, einen besonderen AR-Effekt erwartet, anstatt dass auch hier nur Gegenstände vor die Augen gebeamt werden.

Wann immer man die Brille absetzte, konnte man große Momente erleben, z. B. mit Michael Volle einen Amfortas, der trotz der Wunde, „die nie sich schließt“, noch so viel Energie besaß, sein Leiden als Anklage und Appell zu artikulieren, anstatt zu bejammern. Standhaftigkeit statt Larmoyanz, das war ein neuer Charakterzug bei dem Gralskönig. Demgegenüber wirkte Andreas Schager in der Titelrolle etwas neutral. Stimmlich ohne Fehl und Tadel konnte man bei ihm die Entwicklung vom Haudrauf–Burschen, der den Schwan erlegt, zu einem die Taufe spendenden „heiltatvoll Wissenden“ nicht so recht nachvollziehen. Georg Zeppenfeld als Gurnemanz verkörperte den Anwalt und Dokumentar der Gralsspiritualität mit einer nicht nachlassenden Intensität, bewunderungswürdiger Textklarheit und immer wieder mit gesanglicher Emphase etwa bei den an Parsifal gerichteten Worten: „Unerhörtes Werk! Du konntest morden…“. Bei Zeppenfeld wird diese längste Wagner-Partie nie lang. So wie er die Knappen (und das Publikum) mitnimmt, bleibt man neugierig, was weniger an den Nachrichten und Erinnerungen selbst liegt, sondern an den immer neuen Schattierungen seines Vortrags. Ekaterina Gubanova als Kundry ist sicher eine großartige Sängerin. Sie verführt Parsifal im zweiten Aufzug durch ihre erotische Präsenz, die sich in ihren leidenschaftlichen Gesang verlängert. Durch diese Art von Körperlichkeit vermittelt sich bei ihr die Rolle, auch wenn man vom Text wenig mitbekam. In den ausgedehnten Gralsritualen im ersten und dritten Aufzug, hörte man den Festspielchor nicht gerade in weihevoller Andacht. Zur aggressiven Forderung „Enthülle den Gral! Du musst!“ passte der etwas grobe Männerchor-Sound, nicht aber zu den Wandlungsworten „Nehmet vom Brod,… nehmt vom Wein“.

Pablo Heras-Casado brauchte nur 3 Stunden und 57 Minuten für den „Parsifal“, eine der kürzesten Versionen. Sein Tempo wirkte aber nicht gehetzt, sondern flüssig, was insbesondere in den langen Erzählungen von Gurnemanz und dem Stil von Zeppenfeld entgegenkam. Der Klang des Orchesters war transparent, aber nicht geschärft, ein Zusammenwirken von musikalischer Intelligenz und Spielfreude.

Besuchte Vorstellung: 30.07.2025, noch bis zum 26.08.2025

Besetzung:
Amfortas: Michael Volle
Titurel: Tobias Kehrer
Gurnemanz: Georg Zeppenfeld
Parsifal: Andreas Schager
Klingsor: Jordan Shanahan
Kundry: Ekaterina Gubanova
1. Gralsritter: Daniel Jenz
2. Gralsritter: Tijl Faveyts
Knappen: Lavinia Dames, Margaret Plummer, Gideon Poppe, Matthew Newlin
Klingsors Zaubermädchen: Evelin Novak, Catalina Bertucci, Margaret Plummer, Victoria Randem, Lavinia Dames, Marie Henriette Reinhold
Altsolo: Marie Henriette Reinhold

Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado
Regie: Jay Scheib
Bühne: Mimi Lien
Kostüm: Meentje Nielsen
Licht: Rainer Casper
Video: Joshua Higgason + AR Parsifal
Dramaturgie: Marlene Schleicher
Chorleitung: Thomas Eitler-de Lint