
Peter Eötvös, „Drei Schwestern“ bei den Salzburger Festspielen 2025
„Tri sestri“ („Drei Schwestern“) von Peter Eötvös geht zurück auf das gleichnamige Schauspiel von Anton Tschechow. Die Szenenfolge wurde aber vom Komponisten komplett neu zusammengestellt, so dass die 100-Minuten-Oper aus einem kurzen Prolog und drei Sequenzen besteht, die eine komplexe Anordnung aus 26 Szenen bilden, in denen es um die Befindlichkeiten einer bürgerlichen Klasse in Russland um 1900 geht, um die Schwestern Olga, Mascha und Irina, die sich aus der öden Provinz zurück nach Moskau sehen, den Bruder Andrej, der nie Professor geworden ist und mit der Nutzlosigkeit seines Lebens hadert, Baron Tusenbach, der gesteht, nie gearbeitet zu haben, Oberst Werschinin, der sich in Mascha verliebt, dann aber plötzlich weg muss, weil seine Frau wieder einen Selbstmordversuch unternommen hat, also all das, was in der Literatur des Fin de Siècle als Ennui, Pessimismus und Dekadenz beschrieben wird. Bei der Salzburger Neuproduktion in der Regie von Evgeny Titov spielt die Oper nicht im Salon oder im Garten, den typischen Orten der Konversation, sondern in einer Stadtlandschaft nach einem Bombenangriff mit einem Krankenbett zur intensivmedizinischen Versorgung und mit gezeichneten Menschen, die aus den Trümmern kriechen.
Dieser Schauplatz wurde vom Rufus Didwiszus sorgfältig gebaut, so dass man auf der breiten Bühne der Felsenreitschule ständig damit beschäftigt ist, alle Details dieser dystopischen Situation zu erfassen.
Da sitzt z. B. Andrej bei seinem großen Monolog auf der Seite als korpulenter unbeweglicher Mensch (Kostüme Emma Ryott). In dieser Rolle singt Jacques Imbrailo mit klarem Bariton sein Credo von Langeweile und Ödnis des Lebens. Eötvös lässt dazu eine von tiefen Instrumenten geprägte, prägnante Musik erklingen. Die Schwestern und die anderen Menschen, die die Bühne bevölkern, blicken von weit nach ihm. Aber auch der Blick aus dem Zuschauerraum lässt sich nicht gut fokussieren, bis zu dem Moment, wo sich Andrej aus seinem dicken Körperpanzer herausschält, eine künstliche Haut ablegt und bei den Worten „Ich sehe Freiheit“ nackt dasteht.
Eine der besten Szenen dieser Produktion, während man sich sonst bei Zuschauen fragt, warum die Menschen angesichts der Kriegszerstörung und des vielfältigen Leids um sie herum sich noch mit ihren Gemütshaushalten abgeben.
Diese Verunklarung durch die Szene wurde aber die Musik mehr als kompensiert. Das hat vor allem mit dem Dirigenten Maxime Pascal zu tun, der schon vor 2 Jahren in Salzburg mit großem Erfolg die Griechische Passion von Bohuslav Martinů leitete. Diesmal gelang es ihm, mit dem Klangforum Wien Eötvös‘ Musik so zu spielen, dass sie sich klanglich in tiefer Transparenz auffächerte, was auch für das 50-köpfige Zusatzorchester hinter der Bühne gilt, das wie aus einer anderen Sphäre, aber trotzdem mit großer Deutlichkeit spielte, während unter den 18 Spielern des Hauptensembles sich immer wieder solistische Passagen herausschälten, entsprechend den von Eötvös komponierten Leitklängen zu den Personen. Wo immer die drei Schwestern gemeinsam auftreten, spielt ein Streichtrio, das am Schluss wie eine singende Säge klingt und am Anfang mit Glissandi und Pizzicati eine Art von Naivität und Unbekümmertheit ausströmt. Das Fagott begleitet Andrej, Flügelhorn und Trompeter den Werschinin, Tusenbach die Hörner usw.
Dies Art musikalischer Deutlichkeit und Fasslichkeit, wie sie in Salzburg umgesetzt wurde, trug wesentlich dazu bei, dass man das Stück überhaupt nachvollziehen und erleben konnte, gerade angesichts der etwas konfusen Bühnensituation.
Grandios war seinerzeit – und ist es bis heute – Eötvös‘ Einfall die drei Schwestern von Countertenören singen zu lassen. In Salzburg erlebte man mit dem androgynen Sopranisten Dennis Orellana, der schlanken hochwüchsigen Gestalt von Cameron Shahbazi als Mascha und dem korpulent ausstaffierten Aryeh Nussbaum Cohen als Olga ein Trio, das in voller stimmlicher Souveränität und Unangestrengtheit diese Frauenfiguren verkörperte, was Irina und Mascha anbelangt auch mit einer Portion Erotik. Am Schluss präsentierten sie sich wie unschuldige Wesen in langen weißen Kleidern.
Premiere: 08.08.2025, noch bis zum 24.08.2025
Irina: Dennis Orellana
Mascha: Cameron Shahbazi‘
Olga: Aryeh Nussbaum Cohen
Natascha: Kangmin Justin Kim
Tusenbach: Mikołaj Trąbka
Werschinin: Ivan Ludlow
Andrej: Jacques Imbrailo
Kulygin: Andrei Valentiy
Anfisa: Aleksander Teliga
Soljony: Anthony Robin Schneider
Doktor: Jörg Schneider
Rodé: Seiyoung Kim
Fedotik: Kristofer Lundin
Klangforum Wien Orchestra
Musikalische Leitung: Maxime Pascal
Dirigent hinter der Bühne: Alphonse Cemin
Regie: Evgeny Titov
Bühne: Rufus Didwiszus
Kostüme: Emma Ryott
Licht: Urs Schönebaum
Klangregie: Paul Jeukendrup‘
Dramaturgie: Christian Arseni