Four New Works 2025 · GERANIUM ‘64: Lucinda Childs, Bildrechte: SF / Ruth Walz

Lucinda Childs, „Four New Works“ bei den Salzburger Festspielen 2025

„Four New Works“ ist ein Tanzabend der Choreografin Lucinda Childs, der vor einem Jahr in Hamburg uraufgeführt wurde und nun bei den Salzburger Festspielen in Off-Spielstätte Szene Salzburg zu sehen war. Eigentlich sind es drei neue Stücke, denn „Geranium ‘64“ ist schon 60 Jahre alt.

In diesem Solo übersetzt Lucinda Childs die Kommentare des Sportreporters eines legendären Footballspiels im Radio zeitlupenartig in eigene Bewegungen. Das Stück hat sie nun, inzwischen ist sie 85 Jahre alt, wieder aufgenommen. Unglaublich mit welcher Körperspannung und Elastizität sie von der linken Bühnenseite, immer ein langes widerständiges Gummiband greifend, sich nach rechts bewegt. Hinter ihr ist eine graue Leinwand, auf der schemenhaft das Footballspiel zu erkennen ist. Den Rhythmus des Geschehens gibt der Sportreporter vor. Auf seine Akzentuierungen reagiert Lucinda Childs, freilich nicht in der Aufgeregtheit der Reportage, sondern mit Gesten und Mimik wie eine sich ständig veränderte Skulptur.

„Timeline“ ist eine Choreografie zu einem Cellostück von Hildur Guðnadóttir, das eigentlich nur aus einem Akkord besteht, der in immer neu angesetzten Phrasen ohne jeglichen Rhythmus angestimmt wird. Die Herausforderung für die Tänzer besteht darin, sich rhythmisch exakt ohne musikalische Hilfe zu koordinieren, denn die komplexe Choreografie ist anders als die Musik zusammengesetzt aus kleinteiligen Tanzmotiven, die in der Gruppe exakt koordiniert werden müssen. Am Anfang tanzt jeder seine Motive für sich, mal im Duo, mal Trio usw. wie in einer musikalischen Polyphonie, einem Hoquetus, wo die Töne von einer Stimme zu andern springen. Dann werden die Tanzfiguren ausgedehnter und nach und nach wird die Sphäre der Tanzkontrapunktik verlassen und man sieht Anklänge an klassische Pas de deux und regelrechte Breakdance Figuren.

In „Distant Figure“ auf ein Klavierstück von Philip Glass wandern ebenfalls minimalistische Tanzfiguren durch das Ensemble, was in manchen Momenten aussieht wie ein kunstvoll choreografierter Gruppenvolkstanz. Bei genauen Zusehen bemerkt man aber auch hier die exakte polyphone Ausführung der Bewegungen, in die sich später fast akrobatische Einlagen mischen und augenzwinkernde Rap-Dance-Momente.

Der Abend wurde eingeleitet mit Studie für zwei Tänzerinnen zu einer Instrumentalverison von Bachs „Actus Tragicus“ in einem streng formalisierten Ablauf: Tänzerin A, gefolgt von eine Duett, Tänzerin B, zweites Duett. Und in diesem letzten Duett hatte man das Gefühl, als würde eine zweistimmige Invention von Bach (was ja der „Actus tragicus“ strukturell nicht ist) visualisiert, in der Weise wie die Bewegungsmotive zwischen Tänzerinnen hin und her geschoben werden, in leichten Variationen und korrespondierenden Antworten.

Lucinda Childs gilt als Choreografin der Postmoderne, gewissermaßen als Pendant zu ihren amerikanischen Komponistenkollegen, allen voran Philip Glass. Aber möglicherweise, und das zeigte der Abend mit „Four New Works“ auch, sind die ihre Choreografien ausgefeilter als die Musik der Minimalisten und dabei auch heiterer, denn die Bewegungen der durchtrainierten und dynamischen Tänzerinnen und Tänzer haben immer auch etwas Spielerisches.

Premiere: 09.08.2025, noch bis zum 13.08.2025

Besetzung:
Lucinda Childs Dance Company
Lucinda Childs, Robert Marke Blue, Katie Dorn, Kyle Gerry, Sharon Milanese, Matt Pardo, Lonnie Poupard Jr., Caitlin Scranton

Klavier: Anton Batagov

Choreografie: Lucinda Childs
Video, Bühne, Sound (Geranium ’64): Anri Sala
Kostüme: Nile Baker