Im Bunker: Christophe Dumaux (Giulio Cesare), Federico Fiorio (Sesto), Lucile Richardot (Cornelia), Andrey Zhilikhovsky (Achilla), Olga Kulchynska (Cleopatra), Bildrechte: SF / Monika Rittershaus

Händel, „Giulio Cesare in Egitto“ bei den Salzburger Festspielen 2025

In der Oper „Giulio Cesare in Egitto“ gibt es etwa 40 Arien, die von sechs Hauptrollen gesungen werden. Bei der Produktion der Salzburger Festspiele hatte man aber nur bei einer handvoll Arien das Gefühl, sich dem Reiz und der Schönheit des barocken Belcanto ungetrübt hingeben zu können.

Bei der Rolle der Cornelia, der Witwe des ermordeten Pompeo, muss man sogar von einer glatten Fehlbesetzung sprechen, denn die Stimme von Lucile Richardot klang männlich, hölzern und angestrengt, etwa in dem Duett „Son nata a lagrimar“ mit ihrem Sohn Sesto, der von dem Sopranisten Federico Fiorio gesungen wurde. Das wirkte wie ein unfreiwillig komischer Stimm- und Rollentausch, war aber womöglich Absicht. In diesem Duett wirkte sein Auftritt zärtlich und empfindsam, ebenso in der berühmten Arie „Cara speme“, wo er seine Stimme mit einem angenehmen Schmelz umhüllte und schöne Linien zu einer ganz spärlichen Begleitung formte. In den schnellen Arien mit viel Orchesterlärm hingegen, drohte er unterzugehen wie in „La giustizia hà già sull‘arco“.

Die mangelnde Balance zwischen Sängern und Orchester war übrigens eines der Hauptprobleme an diesem Abend. Immer wenn die Sänger damit beschäftigt waren, Koloraturkaskaden auszuführen und dabei zwangsläufig ihre Stimme nicht zum vollen Klang entfalten konnten, war es um ihre Präsenz im Raum schlecht bestellt. So auch bei Christophe Dumaux als Giulio Cesare in „Quel torrente che cade del monte“, wo er sich selbst Mut für den finalen Kampf gegen Tolomeo zusingt. Man musste sich regelrecht in die Musik hörend hineingraben, um zu bemerken, mit welcher Präzision er die Koloraturen ausführte. Allerdings wirkte sein Countertenor eng, fast gequetscht. Anders in „Va tacito e nascosto“, als er Tolomeo warnt, er solle sich mit seinen bösen Absichten nicht zu sicher fühlen. Die Arie steht im gemessenen Tempo, und hier wirkte sein Gesang männlich kraftvoll, grundiert von fantastisch ausgeführten Soli der Hörner.

Emmanuelle Haïm zielte an vielen Stellen auf einen breiten, kraftvollen Orchesterklang. Manchmal, passte das zur Situation, manchmal weniger wie in Cleopatras „Tutto puo donna“, wo sie beschließt, die Waffen der Frau einzusetzen, um ihre Ziele bei Giulio Cesare zu erreichen. Hier hätte man sich die Streicherfiguren mit mehr Zartheit gewünscht, damit es wirkt wie ein Pendant zu Cleopatras energetischen und zugleich leichten Sprüngen, Girlanden und Triller aus der Stimme von Olga Kulchynska. Diese Spannung konnte sie nach der Pause nicht mehr ganz halten, so etwa in „Piangèro la sorte mia“.

Dass Yuriy Mynenko nicht als strahlender Stimmheld in Erscheinung treten konnte, weil sein Countertenor etwas angestrengt wirkte, passte gut zum Rollenprofil des Bösewichts Tolomeo. Aber er musizierte mit dem Orchester mit der Präzision eines Uhrwerks. Bei Andrey Zhilikhovsky als Achilla, dem Helfer von Tolomeo, nahm man seine bösen Absichten, etwa wenn er Cornelia als Lohn begehrt, nicht ab, so rund und wohltönend warb er in „Tu sei il cor“ um sie. Hier war es wiederum das Orchester, das eine gewisse Grobheit einfließen ließ mit den akzentuiert ausgeführten Staccatofiguren der Streicher und einem brummenden Fagott.

Der Regisseur Dmitri Tcherniakov hat das Geschehen in einen zum Luftschutzbunker umgebauten U-Bahnschacht platziert. Dort halten sich Giulio Cesare als Geschäftsmann einer Nische auf, in der Mitte sind Cornelia und Sesto und rechts die Ägypter. Man lebt auf dichtem Raum, aber trotz der hörbaren Bedrohung durch Bombenangriffe ist Zeit für Machtspielchen, Intrigen, Rachepläne für den im Leichensack angeschleppten Pompeo und für Liebeleien zwischen Giulio Cesare und Cleopatra, die mit knallengen Lederleggins und pinkfarbender Perücke wie eine Prostituierte erscheint. Alle Beteiligten scheinen wie durch Zufall nach einem Alarm hierher geraten zu sein. Man beobachtet emotionalen Spannungen, die zwischen Personen in Ausnahmesituation entstehen. Zunehmend wirken sie traumatisiert, Giulio Cesare kehrt von einer Flucht nach außen körperlich und seelisch gebrochen zurück, Cornelia will ihre sexuellen Bedürfnisse inzestuös mit Sesto befriedigen, der später nur irr zappelnd durch den Bunker läuft. Zum Schluss herrscht ein wildes Durcheinander, viele sind tot oder nur ohnmächtig, das weiß man nie genau, mit Mühe singen Giulio Cesare und Cleopatra ihr eigentlich anrührendes Schlussduett „Caro! – Bella!, das hier auch musikalisch gekonnt brüchig verklingt. Alle haben die Orientierung verloren und zu feiern gibt es sowieso nichts.

Besuchte Vorstellung: 11.08.2025, Premiere: 26.07.2025, noch bis zum 17.08.2025

Besetzung:
Giulio Cesare: Christophe Dumaux
Cleopatra: Olga Kulchynska
Cornelia: Lucile Richardot
Sesto: Federico Fiorio
Tolomeo: Yuriy Mynenko
Achilla: Andrey Zhilikhovsky
Nireno: Jake Ingbar
Curio: Robert Raso

Bachchor Salzburg
Le Concert d’Astrée

Musikalische Leitung und Cembalo: Emmanuelle Haïm
Regie und Bühne: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Elena Zaytseva
Licht: Gleb Filshtinsky
Kampfchoreografie: Ran Arthur Braun
Dramaturgie: Tatiana Werestchagina
Choreinstudierung: Michael Schneider