Ya-Chung Huang (Mime) und Tomasz Konieczny (Der Wanderer), in: „Siegfried“ 1. Aufzug, Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wagner, „Siegfried“ bei den Bayreuther Festspielen 2025

Das Festspielorchester wirkte bei der Aufführung von „Siegfried“ gegenüber „Rheingold“ und „Walküre“ an den Vortagen wie auswechselt: prägnanter, vielgestaltiger und von den szenisch-musikalischen Aussagen her deutlicher. Das ist das Spiel mit den vielen Leitmotiven, auch dort wo scheinbar Nebensächliches erzählt wird, z. B. wenn Mime darüber nachsinnt, wie er Siegfried benutzen kann, um Fafner zu erschlagen; die Syntax und die Prägnanz dieser Eingangsrede kam tatsächlich aus dem Orchester. Vorher im Vorspiel zum ersten Aufzug, wo in den tiefen Lagen grummelnde, bohrende Töne zu hören waren, spürte man eine unheilverkündende Bestimmtheit. Und später bei Schmiede-Lied hörte man eine federnde Wucht und einen drängenden Schwung. In solchen und vielen anderen Momenten war die Dirigentin Simone Young ganz im Wagner‘schen Sinne also so etwas wie die eigentliche Regisseurin.

Aber auch von der eigentlichen Szene her war „Siegfried“ bisher (und aus der Erinnerung der vergangenen Jahre auch insgesamt) der gelungenste Abend dieser „Ring des Nibelungen“-Produktion des Regisseurs Valentin Schwarz. Hier eine Auswahl an szenischen Details: Im ersten Aufzug, der Schmiedewerkstatt, sieht man eine ärmliche Behausung, in der Mime alles für einen Kindergeburtstag vorbereitet hat mit Kasperle-Theater und großen Handpuppen, die auf dem Boden auf kleinen Stühlen sitzen. Diese Puppen sind aber mehr als Spielzeug, sondern so etwas wie Projektionspunkte von Wünschen und Ängste, denn sie werden von Mime regelmäßig zerrupft. Der Drache Fafner ist ein moribunder Greis im Krankenlager. Er bekommt Besuch von Wotan, Alberich, Mime und Siegfried. Das Waldvöglein ist seine Pflegerin, die er vom Bett aus begrabscht. Mit letzter Kraft steht er dann noch einmal auf. Siegfried stößt ihm den Rollator weg, er stürzt und erleidet eine Herzattacke. Tobias Kehrer liegt im Krankenhemd und wirrem Haar da und singt markerschütternd: „Fafner, den letzten Riesen, fällte ein rosiger Held“. In der langen Schlussszene sieht man Brünnhilde (in ständiger Begleitung von Grane, der hier eine Art Leibwächter und Vertrauter ist) mit weißen Kopfbandagen maskiert, starr umherwandelnd. Als Siegfried diese Bandagen löst und das Haar hervorquillt, hört man diesen öminösen Ausruf „Das ist kein Mann“. Bis die beiden erst ganz am Schluss wie hochwüchsige Teenager ins Bett hüpfen, sieht man ein Abtasten, zweifelnde Gesten und Unsicherheiten, was sich übrigens auch in der Musik widerspiegelte, die die meiste Zeit im verhaltenen Mezzoforte und gebremster Phrasierung erklang.

Klaus Florian Vogt singt den Siegfried im zweiten Jahr in Bayreuth. Angefangen hatte er 2007 als Stolzing, dann kam Lohengrin, seine beiden Paraderollen. Bei Siegfried kann er seine Interpretationsstärken, das schlackenlose, kristallreine und zugleich kraftvoll-heldische Singen nicht vollständig zur Geltung bringen. Es ist aber trotzdem noch so viel Textverständlichkeit und stimmlicher Elan (insbesondere im Schmiedelied) vorhanden, dass man seine Version der Rolle zu den herausragenden der letzten Jahre zählen kann. Ya-Chung Huang als Mime hat seinen Moment im zweiten Aufzug, als er sowohl im pantomimischen Spiel wie in einer spitzen, jedes Wort sorgsam formenden Artikulation seine Mordgedanken unfreiwillig preisgibt. Tomasz Konieczny als Wanderer gefiel im Fragespiel mit Mime im ersten Aufzug besser als später im Dialog mit Alberich. Als Zuhörer war man wie schon im „Rheingold“ irritiert, dass Olafur Sigurdarson kaum dazu in der Lage war, eine gesanglich und sprachlich klare Phrase zu singen und Konieczny wieder in dieses angestrengte Piano verfiel. Catherine Foster als Brünnhilde wirkte gegenüber ihrem Auftritt in der „Walküre“ mit einem gelegentlichen Beben und leichten Zittern in der Stimme etwas unsicherer, was aber ein Ausdrucksmittel sein kann, jedenfalls mit dem Rollenprofil übereinstimmte, so dass man am Ende das deutliche Gefühl hatte, Siegfried und Brünnhilde sind doch kein Traumpaar.

Besuchte Vorstellung: 29.07.2025, noch am 18.08.2025

Besetzung:
Siegfried: Klaus Florian Vogt
Mime: Ya-Chung Huang
Der Wanderer: Tomasz Konieczny
Alberich: Olafur Sigurdarson
Fafner: Tobias Kehrer
Erda: Anna Kissjudit
Brünnhilde: Catherine Foster
Waldvogel: Victoria Randem

Orchester der Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Simone Young
Regie: Valentin Schwarz
Bühne: Andrea Cozzi
Kostüme: Andy Besuch
Dramaturgie: Konrad Kuhn
Licht: Reinhard Traub, Nicol Hungsberg