Jennifer Holloway (Sieglinde) und Michael Spyres (Siegmund) im 1. Aufzug von „Die Walküre“, Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wagner, „Die Walküre“ bei den Bayreuther Festspielen 2025

Der erste Aufzug der „Walküre“ bei den Bayreuther Festspielen war eine Offenbarung darin, wie Michael Spyres die Rolle des Siegmund verkörperte. Er präsentierte eine so noch nicht wahrgenommene Spannweite und Variabilität an Stimmfarben und Ausdrucksweisen bei dieser als Retter aus Wotans Verstrickungen vorgesehenen und später geopferten Person. Die Anfangsworte „Wes Herd dies auch sei“ singt er zurückgenommen tastend, wie im Rezitativ einer Barockoper, bei den sogenannten „Wälse“-Schreien ist er ein veritabler Heldentenor und bei „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ ein Liedbariton. Bei Spyres wirkt keine Phrase übertrieben, sondern immer natürlich und zugleich fokussiert. Durch sein kultiviertes, aber immer auch emotional emphatisches Singen lässt er die Wagner’schen Bühnenfiguren, Siegmund oder auch den Stolzing in den „Meistersingern“ zwei Tage zuvor, in einer für Bayreuth durchaus neuen Art entstehen.

Mit Jennifer Holloway als Sieglinde an seiner Seite führten beide die Zuhörer in seltener Textverständlichkeit in den „Walküre“-Stoff ein. Später bei „Hinweg! Hinweg! Flieh‘ die Entweihte!“ artikulierte sie dagegen ihre Unheilsvorstellungen mit vibrierenden, schmerzvollen Tönen, aus denen nicht nur Zerbrechlichkeit, sondern auch dringliches Mahnen zu vernehmen war. Hunding war nicht nur der dunkel polternde Grobian, der Sieglinde zur Ehe gezwungen hat, sondern mit Vitalij Kowaljow ein echter Rivale von Siegmund, der seine Vorstellungen reflektiert vorträgt, und zwar mit rein stimmlichen Mitteln durch seine klare Diktion.

So ging das Publikum nachdem ersten Aufzug fast beglückt bei so viel neuem facettenreichen Wagner-Gesang in die Pause und hatte dann zwei lange Teile vor sich, in denen Tomasz Konieczny als Wotan den Ton anzugeben hatte. Zunächst darf man diesem Sängern hohen Respekt zollen, wie er diese lange Partie zu bewältigen imstande ist. Aber er macht es seinen Zuhörern nicht leicht, da er die vielen hundert Verse, vom Ehestreit mir Fricka über den großen Monolog seiner Selbsterkenntnis bis zum Abschied von Brünnhilde in immer der gleichen Klangfarbe und Artikulationsweise vorträgt. Das einzige Mittel der Differenzierung scheint bei ihm die Lautstärke zu sein. Immerhin vermittelte er die Bedeutung von Versen wie „Ich Unfreiester aller!“ dadurch, dass er solche Worte kraftvoll herausschleuderte. Und Christa Mayer als Fricka ist auch keine Sängerin, die sich auf Zwischentöne verstehen würde oder auch auf die einfache, klare Gesanglinie.

Ganz anders Catherine Foster als Brünnhilde. Ebenso wie schon der erste Aufzug war die sogenannte „Todesverkündigung“ im zweiten ein besonderes Wagner-Ereignis. Brünnhilde alias Foster spricht Siegmund mit ruhiger, gefasster Stimme an, in einer Art von Zeremonie, mit innerlicher Beteiligung, aber ohne den bei anderen Sängerinnen oft zu hörenden „Walküren“-Druck. Und Spyres lässt ich auf diesen Todesdialog in einem ebenso gefassten ruhigen Klang ein.

Simone Young und das Festspielorchester zeigten an vielen Stellen, wie sich eine die Solisten nicht zudeckende Begleitung anhört. Und besonders im ersten Aufzug half das Orchester dabei, durch die vielen kurzen, klar artikulierten Zwischenspiele das Bühnengeschehen durch eine Art von syntaktischer Gliederung zu formen. Aber es gab auch bedenkliche Zwischenfälle. Was war da mit dem Walkürenritt los, was mit dem Vorspiel zum zweiten Aufzug?

Der vielleicht interessanteste Moment in Valentin Schwarz‘ Regie war die Schlussszene: Wotan ruft nach Loge, den Walkürenfelsen (den es in der Inszenierung nicht gibt) mit Feuer zu umhüllen. Stattdessen schiebt Fricka einen Barwagen rein, auf dem eine Kerze brennt. Sie will mit Wotan darauf trinken, dass er scheinbar ihre Ehe gerettet hat. Dann lässt er den Ehering in ihr Glas fallen und wendet sich ab.

Besuchte Vorstellung: 27.07.2025 auch noch am 16.08.2025

Besetzung
Siegmund: Michael Spyres
Hunding: Vitalij Kowaljow
Wotan: Tomasz Konieczny
Sieglinde: Jennifer Holloway
Brünnhilde: Catherine Foster
Fricka: Christa Mayer
Gerhilde: Catharine Woodward
Ortlinde: Brit-Tone Müllertz
Waltraute: Margaret Plummer
Schwertleite: Christa Mayer
Helmwige: Dorothea Herbert
Siegrune: Alexandra Ionis
Grimgerde: Marie Henriette Reinhold
Rossweisse: Noa Beinart

Orchester der Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Simone Young
Regie: Valentin Schwarz
Bühne: Andrea Cozzi
Kostüm: Andy Besuch
Dramaturgie: Konrad Kuhn
Licht: Reinhard Traub, Nicol Hungsberg